Monatelang haben die amerikanischen Kupfererzeuger erfolglos versucht, eine gewisse Stabilität in die Preisbildung für Kupfer zu bringen. Sie wurden in der letzten Zeit von der englischen Selection Trust assistiert, deren Gesellschaften Roan Antelope und Mufulira dazu übergingen, an ihre Kunden ebenfalls zu festen Preisen zu verkaufen.

Die Bemühungen um eine Stabilisierung des Kupferpreises auf einem niedrigeren Niveau – in London hatte man damals an 250 £ je lg/t gedacht – wurden zunichte gemacht, weil der Londoner Kupfermarkt infolge bilateraler Abkommen zwischen den Erzeugern und Verbrauchern so eng ist, daß sich die Spekulation ungehindert austoben konnte. Die Folge davon war bei einer an sich bereits bestehenden Knappheit an promptem Kupfer im Weltmaßstab, daß die Londoner Preise ständig, gelegentlich bis nahezu 100 £ je lg/t umgerechnet, über der offiziellen amerikanischen Notierung lagen. Diese Disparität der Preise war ein deutliches Zeichen dafür, daß der Londoner Kupferterminmarkt, über den seit seiner Wiedereröffnung nur ein kleiner Teil des Angebots gehandelt wird, seine Funktion als Marktbarometer nicht erfüllen konnte.

Andererseits hat das Vorpreschen Londons jetzt dazu geführt, daß die amerikanischen Erzeuger, offenbar gezwungenermaßen, ihre bisherige Preispolitik aufgeben wollen. Die im Anschluß auf die kürzlich vorgenommene Heraufsetzung des offiziellen amerikanischen Preises von 36 cts je lb auf 40 cts erfolgte weitere Preiserhöhung auf 43 cts scheint dies jedenfalls anzudeuten. Offenbar sind die US-Kupfererzeuger von der Entwicklung in London überspielt worden, wo der Promptpreis nach der ersten Heraufsetzung des amerikanischen Preises nahe an 400 £ heranrückte. Auch an der New Yorker Terminbörse notierte Septemberlieferung zuletzt mit 50,00 bis 50,65 cts je lb. Der Markt war den Erzeugern davongelaufen.

Allmählich scheint man aber (zumindest bei den Erzeugern) zu erkennen, daß die Preisbildung für Kupfer gegenwärting jeden Zusammenhang mit wirtschaftlichen Erwägungen verloren hat. Bei Erzeugungskosten von maximal 120 £ je lgt in der afrikanischen Kupfererzeugung ist en Preis von 400 £ in London ein Phantasiepreis. Das gilt auch für den an der New Yorker Terminbörse gezahlten Kupferpreis, der etwa doppelt so hoch liegen dürfte wie die Durchschnittskosten im amerikanischen Kupferbergbau. Nicht nur die amerikanischen Erzeuger mußten sich der Entwicklung in London fügen, wenn sie nicht riskieren wollten, daß das chilenische Kupfer, das die amerikanische Wirtschaft gegenwärtig so dringend braucht, nach London abwanderte, auch die Selection Trust hat vor kurzem ihren Festpreis von 230 £ je lg/t auf 325 £ erhöht, und es ist sehr wahrscheinlich, daß weitere Heraufsetzungen des englischen Festpreises erfolgen werden.

Dabei ist aller Wahrscheinlichkeit nach kaum mit einer echten Kupferknappheit auf lange Sicht zu rechnen. Auf der Basis der ersten fünf Monate dieses Jahres ist zu erwarten, daß die Kupfererzeugung der westlichen Welt 1955 höher liegen wird als im Vorjahr – schätzungsweise 2,74 Mill. sh/t, gegen 2,46 Mill. sh/t im Vorjahr –, und daß der Verbrauch, gemessen an den Ablieferungen, in einer Größenordnung von ebenfalls 2,74 Mill. sh/t (Vorjahrsablieferungen 2,45 Mill. sh/t) liegen wird. Der Produktionsausfall von etwa 75 000 bis 80 000 sh/t durch den letzten großen Streik in der amerikanischen Kupferindustrie dürfte durch Abgaben aus Regierungsbeständen ausgeglichen werden können, wie überhaupt diese strategischen Reserven ein Reservoir darstellen, das jederzeit zur Beruhigung des Marktes geöffnet werden kann, besonders, wenn sich die weltpolitische Lage weiter entspannen sollte. Außerdem werden die gegenwärtig stark übersteigerten Kupferpreise das Produktion, wie das in einer ähnlichen Lage im Vorjahr der Fall war, nachhaltig anregen. Es ist anzunehmen, daß auch der Kupferspekulation die Bäume nicht in den Himmel wachsen werden. Ein großer Teil der Kupfererzeuger würde wahrscheinlich schon heute gern niedrigere Preise sehen, weil sie zugestandenermaßen die Konkurrenz des Aluminiums auf die Dauer fürchten. H. B.