Angekündigte Preissteigerungen haben im Gegensatz zu angekündigten Revolutionen die Eigenart, daß sie gewöhnlich stattfinden. Die Menschen lassen sich nämlich durch die Ankündigung verleiten, schnell noch zum „alten“ Preis zu kaufen oder zu bestellen. Damit erhöhen sie die Marktspannung. Und schon ist die Voraussage eingetroffen. Doch läßt sich das Lohn-Preis-Problem nicht dadurch aus der Welt schaffen, daß weniger darüber geredet wird. Hunderte von Tarifverträgen laufen in den nächsten Monaten ab; eine große Lohnbewegung ist im Gange, die zur Zeit beispielsweise in der Metallindustrie allein eine Million Arbeitnehmer erfaßt.

Diese Auseinandersetzung ist für die Bevölkerung in der letzten Zeit immer undurchsichtiger geworden. Das kommt daher, daß fortwährend Schlagworte gebraucht und Thesen aufgestellt werden, die weder der Situation noch den eigentlich vertretenen Absichten entsprechen. Da fordern die Gewerkschaften beispielsweise „höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit“. Erst näheres Zusehen ergibt, daß es sich in Wirklichkeit nur um ein Lohnproblem handelt. Denn „kürzere Arbeitszeit“ heißt nun einmal: weniger arbeiten. Ist dies aber jedermann klar? Freilich, die Unternehmer, die an einem drückenden Arbeitskräftemangel leiden, wissen, was das bedeutet; auch die Arbeiter wissen es, die jetzt schon, bei gesetzlicher 48-Stunden-Woche, in der Industrie freiwillig für Überstundenentgelt im Durchschnitt 50,1 Stunden arbeiten; die Gewerkschaften wissen es im Grunde auch, daß in ihrer Forderung nach kürzerer Arbeit die Forderung nach höherem Lohn steckt: dies geht schon daraus hervor, daß der Vorsitzende der I. G. Metall, Otto Brenner, das Argument der Unternehmer vom „wachsenden Bedarf an Arbeitskräften“ gar nicht bestreitet, sondern nur entschuldigend sagt: „Wir können in dieser Frage nur jetzt, in der Zeit der Hochkonjunktur, etwas erreichen,“ Ein Arbeiter, der bei tariflicher 48-Stunden-Woche 2,1 Überstunden macht, würde bei 40-Stunden-Woche 10,1 Überstunden machen. Dies ist – als Erhöhung der Zahl der Überstunden! – tatsächlich ein reines Lohn-Problem, genau wie die Forderung nach Erhöhung der Stundenlöhne,

Gewerkschaften in der Hochkonjunktur

Aber auch dieses Verlangen läßt ein verzerrtes Bild entstehen. In Wirklichkeit zahlt der größte Teil der Industrie über Tarif, und häufig mehr, als die Gewerkschaften neuerdings als Tariflohn verlangen. Daraus ist zu ersehen, daß die Hochspannungsperiode der Wirtschaft auch für die Gewerkschaften selbst gefährlich ist, da sie den Kontakt mit ihren Mitgliedern verlieren müssen – zum Teil schon verloren haben –, wenn die Arbeitgeber von sich aus mehr zahlen, als die von den Gewerkschaften erkämpften Tarifverträge es vorschreiben. Jetzt suchen die Gewerkschaften, und zwar mit Hilfe der „Effektivklausel“, ihre Forderungen up to date zu bringen. Danach soll jeder Arbeitnehmer, auch wenn er über den normalen Tarif, ja selbst wenn er über den neuen Tarif hinaus bezahlt wird, zu seinem bisherigen Lohn noch effektiv die prozentuelle Lohnerhöhung erkalten, die der Tariferhöhung entspricht. Darum geht es, vor allem im Bereich der paar tausend großen leistungsfähigen Industriegesellschaften, von denen die eine oder andere in der Tat ihrer Bilanz zuviel Glanz verliehen und damit Forderungen wachgerufen hat, die von vielen der 70 000 bis 80 000 kleineren Industriebetrieben nicht erfüllt werden können. Es fragt sich allerdings, ob die Gewerkschaften den verlorenen Kontakt überhaupt wiederherstellen können, selbst wenn sie sich mit all ihren Forderungen durchsetzen sollten.

Dies mag die Sorge der Gewerkschaften bleiben; für die Bevölkerung aber, einschließlich der Arbeiter, steht das viel größere Problem zur Debatte, wie unsere für alle vorteilhafte wirtschaftliche Entwicklung stabilisiert und aus der Gefahrenzone herausgesteuert werden kann, in die sie zu geraten droht, weil die Gewerkschaften in diesem Augenblick, um die Konjunktur auszunutzen, alles auf einmal verlangen: Lohnerhöhung durch Arbeitszeitverkürzung, Lohnerhöhung durch Tarifsteigerung und Lohnerhöhung durch Effektivklausel. Dies alles, weil sie glauben, man könne ietzt gleichzeitig den „Anteil des Arbeiters am Sozialprodukt“ steigern und außerdem die ganze Erhöhung der Produktivität für ihn in Anspruch nehmen. Das erste ist eine soziologische, das zweite eine sozialpolitische Frage. Man kann aber in einer Hochspannung nicht alles auf einmal machen. Und man sollte insbesondere nicht vergessen, daß die Steigerung der Produktivität, das heißt der Produktionsleistung je Arbeitsstunde, eine Folge nicht vor allem der erhöhten Anstrengungen des Arbeiters, sondern des technischen Fortschritts ist. Der technische Fortschritt aber würde erlahmen, wenn man ihn zugunsten einer einzigen Gruppe beschlagnahmte, oder auch nur den Bestrebungen nachgäbe, ihn zu sozialisieren. Auf diesem Wege sind wir nämlich, wenn die verschiedensten Funktionärsapparate ständig die Produktivität der Industrie nachrechnen und den Anteil der Schichten, die sie vertreten, an der Steigerung reklamieren: die Gewerkschaft durch Lohnforderungen, die Landwirtschaft durch Preisforderungen, die Beamtenschaft durch Gehaltsforderungen und schließlich die Rentner durch Forderungen nach erhöhten Renten- und Unterstützungssätzen.

Im Augenblick der Hochkonjunktur – wenn Arbeitskräfte „um jeden Preis“ benötigt werden, weil übermäßige Aufträge vorliegen, wenn daher der einzelne Unternehmer sich den Ratschlägen seiner Organisation entzieht und zu Zugeständnissen bereit ist, die für die Allgemeinheit und für ihn selbst auf die Dauer gefährlich werden können – in diesem Augenblick reichen allerdings Argumente und die Mahnung zur Mäßigung in Lohn- und Preisforderungen nicht aus. Denn der –.angespannte – Markt regiert die Stunde. Dieser Markt wird auch einige vereinzelte Preisherabsetzungen, Verbrauchssteuersenkungen und mildere Krediteinschränkungen der Notenbank ohne Heilwirkung schlucken. Geht man aber nach den Regeln der klassischen Nationalökonomie – die jetzt so gern und oft mit viel Naivität zitiert werden – mit sehr drastischen Kreditkürzungen vor, dann kann sich das als eine Roßkur erweisen. Die Kreditrestriktion trifft nämlich sehr oft nicht die richtigen: sie kann einzelne Produktionen lahmlegen, die an der Konjunktur gar nicht teilnehmen, und ganz allgemein den Zusammenhang der Wirtschaftsentwicklung stören.

Der Staat als Konjunkturtreiber