Die „Zentrale Arbeitsgemeinschaft ‚Frohe Ferien für alle Kinder‘“ lud in Hamburg zu einer Sitzung ein. Die Einladung verhieß Augenzeugenberichte aus den Ferienlagern der „DDR“. Der unvoreingenommene Leser der Einladung wurde vielleicht erst bei diesem letzten Satz stutzig. Und erinnerte sich dann der Sorgen Bonner Ministerien, die bereits im vorigen Jahr vergeblich darüber berieten, ob es eine gesetzliche Maßnahme gegen die Verschickung von Zehntausenden westdeutscher Kinder in die Ferienlager der Sowjetzone gäbe. Als dieOrganisatoren dieser Ferienverschickung, die sich hauptsächlich an arbeits- und mittellose Familien im Westen wandten und ihren Kindern einen kostenfreien Aufenthalt (meist auch mit Gratis- oder ganz billiger Pauschalreise) im Ferienparadies der Sowjetzone anboten, wurde die „Zentrale Arbeitsgemeinschaft“ genannt. Auch in diesem Sommer haben (laut Angabe der „Arbeitsgemeinschaft“) 55 000 westdeutsche Kinder „frohe Ferien“ im Osten verbracht. Privatpersonen und Behörden in der Bundesrepublik, die sich sehr ernste Sorgen über die Einladungen und die politischen Geschäfte machen, die die SED-Gastgeber mit dem Ferienglück der Kinder zu treiben versuchen, wissen, daß es in einer Demokratie keine gesetzlichen Maßnahmen gibt, diese Reisen zu verhindern. Die einzige Gegenmaßnahme ist eine verstärkte Aktion, genügend Ferienplätze für die Kinder in der Bundesrepublik zur Verfügung zu stellen.

Wie sieht diese „Zentrale Arbeitsgemeinschaft“ aus, die im Westen als kommunistische Tarnorganisation bezeichnet wird? „Von gewissen Stellen wird uns nicht nur Mißtrauen entgegengebracht, sondern unsere in allen Teilen der Bundesrepublik selbstlos arbeitenden Helfer werden sogar persönlich bespitzelt.“ Bei diesen Worten des Vorsitzenden zu Beginn der Hamburger Zusammenkunft erhebt sich eine vollschlanke Frau, die bisher bescheiden im Hintergrund saß. Man sieht ihr an, daß sie nicht gern vor vielen Menschen spricht. ‚Ich bin die Vorsitzende vom Landesverband Hamburg“, sagt sie mit einem freundlichen, etwas hilfesuchenden Lächeln. „Ich muß Ihnen auch was dazu erzählen. Neulich klingelte ein Mann an meiner Tür, er fragte nach meinem Namen und sagte dann: ‚Ich warne Sie! Sie dienen einer schlechten Sache. Lassen Sie .lieber die Finger davon!‘ – Dann ging er weg.“

„Warum haben Sie ihn nicht gefragt, wer er sei und was er damit meinte?“ ruft jemand aus der Zuhörerschaft. „Dazu war ich viel zu erschreckt. Ich bin schließlich nur eine einfache Hausfrau, eine Kriegerwitwe, und muß allein für meine beiden Jungens sorgen. Wenn der Mann von der Kripo war, werden Sie mir jetzt wohlmöglich meine Rente sperren. Aber ist denn das ein Unrecht, wenn ich für die Gesundheit und frohe Ferien meiner Jungens – und damit für alle Kinder in der Bundesrepublik kämpfe?“

Die anwesenden Journalisten haben sehr viele konkrete Fragen. Aber sie erhalten ganz selten konkrete Antwort darauf. Wer sind die Mitglieder dieser Arbeitsgemeinschaft, wollen sie wissen, wer finanziert sie, welches sind ihre Ziele? Diese Arbeitsgemeinschaft ist keine Organisation, sondern eine Bewegung, deren Ziel in ihrem Namen „Frohe Ferien für alle Kinder“ niedergelegt ist. Sie ist laut Auskunft ihrer Mitglieder ganz unpolitisch. „Nennen Sie doch bitte Namen und Verantwortliche!“ „Was tun Namen zur Sache, wenn es um Fragen des Herzens geht? Wir haben keine anderen Mittel, als die Stimme unserer Liebe und unseres Veranwortungsgefühls für alle Kinder zu erheben und damit die persönliche Initiative in Deutschland wieder zu erwecken.“ Der Fragesteller bleibt zäh: „Sie wollen uns also keine Namen nennen? O doch. Einige der Anwesenden erheben sich. Der schmale, dunkeläugige, „Landesvorsitzende“ des Landes Hessen, der wie ein Gelehrter aussieht. Eine elegant gekleidete, etwas ältere Dame, die das mit dem Herzen und der Verantwortung sagte und immer wieder im Laufe der Diskussion das Gespräch von nüchternen Fakten und Zahlen auf den „inneren Sinn, die Essenz der Dinge“ hinlenkt: „Warum die DDR so vorbildlich für ihre Kinder sorgt, warum sie mit uns beschämender Großzügigkeit die Kinder der Bundesrepublik als Gäste aufnimmt, sollte uns doch wohl nicht interessieren. Daß und wie sie es tut, geht uns nur an, ist ein leuchtendes Vorbild für uns alle!“

Frau Brock, eine schicke junge Frau aus Düsseldorf, hat die Einladungen der „Zentralen Arbeitsgemeinschaft“ unterschrieben. Auch sie erzählt von Bespitzelung. Sie wurde bei der Kriminalpolizei in Düsseldorf vorgeladen und gefragt, ob sie dem „Europäischen Friedenskomitee“ angehöre. Das hatte sie vereint. Der Arbeitsgemeinschaft „Frohe Ferien für alle Kinder“? Das hatte sie bejaht und war darauf gewarnt und ermahnt worden. Fast alle Mitglieder wußten von solchen Erfahrungen zu berichten. Sie erzählen diese Dinge mit Trauer in der Stimme, weil man sie und ihr Ziel so mißversteht ...

„Unser größter Wunsch ist es, für alle westdeutschen Kinder mittelloser Eltern Ferienplätze in der Bundesrepublik zu erkämpfen. Wir haben in den zwei Jahren unserer Tätigkeit auch schon große Fortschritte erzielt. Aber die zur Verfügung gestellten Plätze reichen noch lange nicht aus. Darum haben wir auch in diesem Jahr die großzügige Einladung der DDR angenommen“, so sagen die Mitglieder.

„Der schlagendste Beweis dafür, mit welchem Vertrauen Menschen aus Westdeutschland ihre Kinder in den Osten schicken können, ist doch wohl, daß 75 Prozent der Kinder aus dem Lager Wentorf (einem der größten Durchgangslager für Sowjetzonenflüchtlinge. Die Redaktion) ihre Ferien in der Sowjetzone verbrachten. 75 Prozent des Kindertransports aus Wentorf kamen aus dem Lager!“ flüstert berichtigend ein anderes Mitglied der Arbeitsgemeinschaft.