Die posthume Trennung von Gut und Böse, die die neue argentinische Regierung jetzt vornehmen muß, erfordert äußersten Takt. Man will die Prinzipien der Demokratie hochhalten und dennoch den Augiasstall nicht mit Gewalt säubern. Man jongliert und wartet lieber noch ab, bis sich die inneren Kräfte eindeutiger zugunsten der veränderten Umstände stabilisiert haben.

Erschwert wird dieser Prozeß offensichtlich durch die räumliche Nähe des Diktators. Seit dem vergangenen Sonntag weilt Peron in Asuncion, wenig mehr als zwei Flugstunden nördlich von Buenos Aires. Argentinische Bomber gaben ihm vorsichtshalber bis zur Grenze das Geleit. Hieß es anfangs, er werde sich künftig im Gran Chaco der Landwirtschaft widmen, so wurden später in Argentinien Bedenken laut. „Höchstens zwei Tage Paraguay als Durchgangsstation“, forderte die Regierung Lonardi. Man darf gespannt sein, ob Asuncion diese Bedingung erfüllen will und kann. Peron ist ein alter Freund des Nachbarlandes, dem auch viele seiner außenpolitischen Ambitionen gegolten haben. Überdies war Paraguay seit jeher ein beliebtes Reiseziel, für Konspiranten mit autoritärer Schlagseite.

Wohin wird sich Peron endgültig wenden? Einmal heißt es: nach der Schweiz, wo angeblich bereits eine dritte Gattin auf ihn wartet. Dann wieder: nach Spanien, wo jedoch die Meinungen über ihn sehr geteilt sind. Kirchliche Kreise lehnen den vom Heiligen Stuhl Exkommunizierten ab. Die Falangisten hingegen gedenken seiner mit Sympathie. Peron hat sich oft, wenn auch ohne Erfolg, beim Rat der Vereinten Nationen für Spanien eingesetzt. Überdies hat er niemals die unbeglichenen Schulden für seine Getreidelieferungen reklamiert. Sogar Deutschland wurde als mögliches Exil genannt. Allerdings ist diese Nachricht sogleich von Bonn wie vom argentinischen Außenminister Amadeo dementiert worden. Emsig sucht man in Buenos Aires nach einer befriedigenden Lösung, zumal es letzthin wiederum zu Streitigkeiten mit den Gewerkschaften und zur Festnahme führender Peronisten gekommen ist.

Peron gleicht einer Zeitbombe an der Schwelle Argentiniens. Auch Paraguay liegt ja immer noch, von der Casa rosada her gesehen, „draußen vor der Tür“. Ein unbesonnener Schritt könnte den Kontakt auslösen. Aus diesem Grunde gehört die Entschärfung dieser Bombe heute zu den vordringlichsten Aufgaben am La Plata. Heinz Hell