Man hat in der letzten Zeit den Vorwurf erhoben, die Industrie investiere zuviel. Auch die BdL hat u. a. dieses Argument für ihre Diskonterhöhung und die Kreditverknappung vorgebracht, und darauf hingewiesen, daß die kurzfristige Verschuldung der Industrie dringend der Konsolidierung bedarf. Ich kann dem nicht widersprechen, sehe aber gerade in der kurzfristigen Verschuldung einen Beweis dafür, daß von einem Finanzpolster bei den meisten unserer Firmen noch nicht gesprochen werden kann.

Entscheidend für die Frage der Investitionstätigkeit der Industrie ist die Entwicklung des Arbeitsmarktes. Die durchgeführten Lohnerhöhungen bringen vermehrte Kaufkraft auf dem Konsumgütermarkt. Das erfordert ein höheres Konsumgüterangebot. Die gleiche Wirkung werden die Steuersenkungen aus der Erhöhung des Freibetrages und der getrennten Veranlagung haben. Auch hier muß zusätzliche Konsumkaufkraft durch zusätzliche Produktion kompensiert werden. Auch für den Bedarf der kommenden Wehrmacht muß eine verstärkte, zum Teil sogar neue Produktion vorgesehen werden, also überall: Forderung nach erhöhter Produktion.

Der jetzige Stand der Kapazitäten erlaubt aber eine Erhöhung der Produktion nur über eine Erhöhung der Beschäftigtenzahl, also die Einstellung von Arbeitern. Es fehlt aber an Arbeitskräften. Arbeitskraftreserven sind kaum mehr vorhanden, dazu wird die Wehrmacht in den nächsten Jahren 500 000 Mann absorbieren, und der Nachwuchs geht in den kommenden Jahren bis auf jährlich 400 000 zurück. Mit den vorhandenen Produktionsmitteln und den vorhandenen Arbeitskräften kann also die Produktion nur noch gesteigert werden, wenn sich die Produktivität der Arbeitskraft erhöht.

Will man denn wirklich mit vollem Bewußtsein die weitere Expansion unserer Wirtschaft und unserer Produktion an der kurzfristig nicht behebbaren Knappheit der Arbeitskräfte ihre Grenze finden lassen? Ich meine daher im Gegenteil: Rationalisieren ist das Gebot der Stunde. Die Finanz- und die Geldpolitik müssen in den Dienst dieser vordringlichen Aufgabe gestellt werden.

Es scheint mir zweckmäßig, in diesem Zusammenhang die Bauaufträge der öffentlichen Hand einmal bezüglich ihrer Vordringlichkeit eingehend zu überprüfen. Es muß ernstlich überlegt werden, 8b und inwieweit wir durch eine Einschränkung der öffentlichen Aufträge in den betroffenen Marktbereichen wieder gesunde Marktverhältnisse schaffen können. Hier sollte die Bundesregierung daher schnellstmöglich Mittel und Wege suchen, um die öffentlichen Bedarfsträger, d. h. Bund, Länder, Gemeinden, Bahn, Post und Öffentlichrechtliche Körperschaften zu veranlassen, alle nicht übermäßig dringlichen Vorhaben einzuschränken bzw. zurückzustellen. Mit Recht fordert der Staat von der freien Wirtschaft weitgehende Disziplin. Er muß sie dann aber auch bei sich selbst wahren.

Hier auch noch eine kurze Bemerkung zur Steuerpolitik. Durch die gute Haushalt- und Kassenlage von Bund und Ländern und das stetige Ansteigen des Steueraufkommens einerseits und durch die konjunkturelle Entwicklung andererseits entstehen für die künftige Steuerpolitik Probleme besonderer Art. Es kommt offensichtlich in der letzten Zeit nicht darauf an, durch den steuerpolitischen Kurs die Schaffung zusätzlicher Konsumkraft zu forcieren.

Ich halte aber auch die Forderung, mit steuerpolitischen Mitteln zu einem Investitionsstopp oder einer Investitionsdrosselung zu gelangen, für nicht berechtigt. Die schon vorhandenen oder demnächst auf uns zukommenden Engpässe auf den verschiedensten Gebieten des gewerblichen Gebietes können nur durch Rationalisierung und durch Steigerung der Produktivität überwunden werden. Das aber erfordert zusätzliche Investitionen, zu deren Durchführung die erforderlichen Mittel bereitgestellt werden müssen.