Staat und Kirche – das ist ein Thema, das nie an Aktualität verlieren wird. Die Balance zwischen irdischer Ordnung und der Vertreterin der göttlichen auf dieser Erde glückt oft selbsc dann nicht, wenn beide Seiten guten Willens sind. Unsere deutscheGeschichte ist oft eine Geschichte solcher Balanceakte gewesen. Zuletzt geriet dies Gleichgewicht im ausgehenden 19. Jahrhundert, im „Kulturkampf“, in Gefahr. Aber reden nicht viele Leute davon, wir ständen heute in der Bundesrepublik vor einem neuen „Kulturkampf“?

Es ist das Verdienst des Buches

Georg Franz: „Kulturkampf, Staat und katholische Kirche in Mitteleuropa von der Säkularisation bis zum Abschluß des Preußischen Kulturkampfes“. (Verlag Georg D. W. Callwey, München, 1955, 355 S., 19,– DM),

den historischen Kulturkampf, der uns aus unserer Situation heraus heute brennend interessiert, kühl, unvoreingenommen und mit wissenschaftlicher Genauigkeit dargestellt zu haben. Er entzündete sich aus dem Gegensatz der beiden Begriffe, „liberal“ und „klerikal“, durch die sich die politischen und weltanschaulichen Fronten des 19. Jahrhunderts gesondert haben. Diese Fronten laufen auch heute noch quer durch unser kulturelles Leben.

Das Wort „Kulturkampf“ stammt von dem Sprecher der Liberalen, Virchow, der 1873 für die „Emanzipation des Staates“ eintrat. In diesem Ziel trafen sich die Liberalen mit dem Reichskanzler Bismarck, der nach 1871 bestrebt war, seine neue Reichsschöpfung von jeder kirchlichen Bevormundung zu befreien. Aber ging es dem antireligiösen „wissenschaftlichen Laientum“ um die Auseinandersetzung zwischen Vernunft und Offenbarungsglauben, so handelte es sich dem Staatsmann (wie er wörtlich im Preußischen Herrenhaus erklärte), „nicht um den Kampf zwischen Glauben und Unglauben, sondern um den uralten Machtstreit, der so alt ist wie das Menschengeschlecht, um den Machtstreit zwischen Königtum und Priestertum ...“

Der Verfasser blendet nicht ins Mittelalter zurück, sondern schildert in chronologischer Reihenfolge Ursache und Verlauf des großen Konflikts zwischen den beiden Ordnungsmächten im 19. Jahrhundert; ein Konflikt, der sich in dem hegelionischen Autoritätsstaat Preußen am schärfsten manifestierte; er weist auf das Dilemma Bismarcks hin, der in seinem Kampf gegen die Kirche jenen Kräften den Weg bahnte, deren Ziel nicht nur die Beseitigung der Kirche, sondern auch der Monarchie war. Die Politik der Zentrumspartei war nicht weniger widerspruchsvoll: denn das „Los vom Staate, hin zu Rom“ der Katholiken förderte die Sozialisten, die für die Verdrängung der Kirche aus dem Staat und eine nur weltliche Kultur arbeiteten. Der Autor folgert: „Der totale Staat als ungewollte. Frucht des liberalen Wirkens wurde von den Sozialisten verwirklicht.“

Die aktuellen Bezüge werden vom Autor nicht ausgesprochen, aber sie werden nur um so deutlicher sichtbar. Wenn in Argentinien heute die Trennung von Staat und Kirche geplant wird, so stellt sich dort die Problematik des Kulturkampfes neu; wenn hinter dem eisernen Vorhang den Katholiken „Mißbrauch der Kanzel“ und eine „staatsfeindliche Haltung“ vorgeworfen wird, so äußert sich die alte Kontroverse zwischen Priestertum und weltlicher Obrigkeit in ihrer äußersten und härtesten Form; und in Belgien, wo die Trennung von Staat und Kirche schon vor Jahrzehnten durchgeführt wurde, ist seit Monaten in der Frage der konfessionellen Schule ein heftiger Streit zwischen der sozialistischen Regierung und der christlichen Volkspartei im Gange.

Der Verfasser meint, daß „der gewaltige Kampf zwischen dem sozialistischen Staate und der katholischen Kirche allem Anschein nach in unseren Tagen einer endgültigen Entscheidung entgegenreift“. Es ist zu hoffen, daß sich diese Auseinandersetzung nicht in dem alten engen Parteigeist des „Kulturkampfes“ vollziehen möge, sondern in einem neuen Geist des Verständnisses für den Gegner. Der Autor jedenfalls bemüht sich in seiner Erhellung eines grundsätzlichen Konflikts um einen neuen Standort jenseits der Gegensätze. Eine solche Bemühung ist an sich ein therapeutischer Versuch. Gertrude von Schwarzenfels