m. h., Düsseldorf

Das erste wirklich wirksame Antidiabetikum in Tablettenform wird in Kürze in den Arzneimittellisten zweier deutscher Arzneimittelwerke, C. F. Behringer Söhne in Mannheim-Waldhof und der Farbwerke in Hoechst, erscheinen. Gestern wurde erstmalig in einem Referat von Professor Bertram-Hamburg im Programm der 18. Tagung der deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten auf die erfolgreiche klinische Anwendung des neuen Präparats hingewiesen. Professor Bertram in Hamburg, der inzwischen verstorbene Professor Franke in Berlin-Friedenau sowie Professor Jacobi-Hamburg und andere Diabetes-Spezialisten haben bei einer Anwendung, die zum Teil schon vor fast zwei Jahren begann, überzeugende Erfolge vor allem bei älteren Zuckerkranken festgestellt. Bei bereits eingeleiteter Insulintherapie des Gegenregulationsdiabetes gelingt es nach Professor Bertram fast immer, die gesamte Insulindosis voll durch das neue Mittel zu ersetzen. Insulin-Mangeldiabetes der Jugendlichen, sowie gelegentlich Fälle von älteren Diabetikern kommen für die Verwendung des neuen Präparats nicht in Betracht.

Es handelt sich bei dem neuen Mittel um das Sulfonamidderivat Sulfanil-Butyl-Harnstoff, das von dem Chemiker Dr. Haack zunächst als Antibiotikum synthetisiert worden war, aber wegen seiner den normalen Blutzucker senkenden Nebenwirkung als solches anfangs verworfen werden, mußte. Die Blutzuckersenkung verlief aber in so charakteristischer Form, daß hier schon vor Jahren die Möglichkeit eines Mittels gegen Diabetes ins Auge gefaßt wurde. Professor Achelis, früher Physiologe an der Universität Heidelberg, hat dann diesen neuen Weg bis zur klinischen Anwendungsmöglichkeit weiter verfolgt. Parallel hierzu liefen an anderer Stelle schon seit längerer Zeit Forschungsarbeiten und experimentelle Untersuchungen in der gleichen Richtung mit dem gleichen Ziel.

Die beiden Arzneimittelweike haben sich jetzt für die weitere Forschungsarbeit auf diesem Gebiet zu einer Abstimmung der beiderseitigen Ergebnisse und gemeinschaftlicher Arbeit in der weiteren Forschung und Entwicklung des neuen Präparats und seiner beiden nun für die Praxis zur Verfügung stehenden Varianten zusammengeschlossen.

Man rechnet damit, daß im Zuge dieser neuen Entwicklung der Weltinsulinverbrauch für die Behandlung der Zuckerkrankheit nach vorsichtigen Schätzungen um etwa 40 v. H. zurückgehen wird. Es wird von den zuständigen Fachleuten darauf hingewiesen, daß die Anwendung der neuen Mittel zunächst nur bei laufender Kontrolle des Blutzuckers und Harnzuckers, vorerst also nur in der Klinik oder im Krankenhaus, erfolgen darf. Vor einer Selbstbehandlung mit den Tabletten, die rezeptpflichtig sind, werden alle Zuckerkranken dringend gewarnt. Sie könnte verhängnisvolle Folgen haben.