M. Davie, London,Anfang Oktober

Parteitage pflegen im allgemeinen keine Neuigkeiten zutage zu fördern. Von der diesjährigen Labour- Tagung aber, die am 10. Oktober beginnt, kann man erwarten, daß sie zu zwei großen Themen der britischen Politik einigen Aufschluß bringen wird: Was wird die Labour-Party tun, um die rostige Parteimaschine, die für die letzte Wahlniederlage mitverantwortlich ist, aufzupolieren? Und was wird Mr. Attlees Zukunft sein?

Attlee hat sich recht ungewöhnlich benommen. Er erklärte vor kurzem in einem Interviewter wolle sich „je eher, desto besser“ zur Ruhe setzen. Aber dunkel, wie die Öffentlichkeit es sonst von ihm nicht gewöhnt ist, fügte er hinzu: „Die Fraktion will mich noch nicht gehen lassen, und die Bevölkerung scheint ihre Ansicht zu teilen.“

Daß Attlee zurücktreten will, ist allgemein bekannt. Er ist 72 Jahre alt und hatte kürzlich eine Thrombose. Was immer er mit der Erklärung am Vorabend des Jahresparteitags beabsichtigte – und es gibt keine zwei Politiker, die darüber einer Meinung sind –, das Ergebnis war jedenfalls, daß das Manövrieren um die Nachfolge nur noch hektischer geworden ist. Die Partei wird sich also unter Umständen vor die Notwendigkeit gestellt sehen, eine sofortige Wahl zu treffen.

Winston Churchill hat Attlee angeblich einmal als ein „Schaf im Schafspelz“ bezeichnet. Es war ein Bonmot, das weit danebenging, denn in Wahrheit ist Clement Attlee als Politiker so wendig wie nur irgendeiner, den England in den letzten fünfzig Jahren hervorbrachte. Sein Wert für die Partei, der es an einer klaren Linie gebricht und der ein Nachfolger, auf den sich alle einigen könnten, fehlt, ist heute größer denn je.

Attlee hat keine politischen Busenfreunde. Da ist kein Kreis von Funktionären, der sich in Cherry Tree Cottage um ihn scharte, seinem Witz Beifall klatschte und künftige Posten verteilte, wie seinerzeit bei Churchill, als er in der Opposition war. Erstens ist Attlee nicht witzig, und zweitens hat er seit dem Tode Ernest Bevins, dem Attlee eine Bewunderung und Achtung zollte, die beiden Männern zur Ehre gereichte, niemanden gefunden, dem er völlig vertraut.

Dieses Fehlen eines persönlichen Kreises von Attlee-Anhängern ist für die Labour-Party von größter taktischer Bedeutung. Attlee lenkte seine Gefolgsleute wie Königin Elizabeth I. ihren Hofstaat: indem er einsam im Mittelpunkt der Macht blieb und die übrigen Politiker in konzentrischen Ringen um sich herum kreisen ließ. Wie Elizabeth, so kamen Attlee die Rivalitäten in der Partei zustatten. Er benutzte sie, um die Labour-Party sozialistisch und dennoch gemäßigt zu erhalten, während er seine eigene Unabhängigkeit bewahrte.