Wie haben sich nun die Löhne entwickelt? Nach amtlichen Berechnungen überstiegen die Bruttostundenverdienste in der Industrie im 2. Quartal 1955 diejenigen von 1950 um 40 v. H. Das Realeinkommen der deutschen Arbeiter hat seit 1948 eine ständige Steigerung erfahren und weist im Vergleich mit den übrigen europäischen Ländern die günstigste Entwicklung auf. Berechnungen der UNO bestätigen, daß im internationalen Vergleich die Reallohnentwicklung in Deutschland durchaus günstig verlaufen ist.

Gesamtwirtschaftlich war die Erhöhung der Löhne in der Bundesrepublik in den letzten Jahren stärker als die Steigerung der Gesamt Produktivität, d. h. der Anteil des Sozialproduktes, der auf die unselbständigen Einkommensbezieher entfiel, hat sich auch relativ erhöht. Wenn nun weitere Lohnerhöhungen angestrebt werden, so ist die ernste Überlegung am Platze, ob und bis zu welchem Ausmaß sie verkraftet werden können. Die Gewinnlage vieler Unternehmungen, besonders der mittleren und kleineren Firmen, ist angespannt. In vielen Branchen besteht daher eine Zwangslage. Kommt es zu weiteren Lohnerhöhungen, dann muß es, da sie keiner echten Produktivitätssteigerung entsprechen, auch zwangsläufig zu höheren Preisen kommen.

Ich habe behauptet, daß es falsch ist, immer nur von der Industrie schlechthin zu sprechen. Die Industrie ist kein einheitliches Gebilde, und die wirtschaftliche Lage ist nicht nur von Branche zu Branche, sondern sogar von Unternehmen zu Unternehmen verschieden.

Es gibt in der Bundesrepublik etwa an die 3000 Aktiengesellschaften, an die 20 000 Gesellschaften mit beschränkter Haftung und 50 000 bis 60 000 Einzelunternehmen bzw. Personalgesellschaften. Nur die Abschlüsse der Aktiengesellschaften werden veröffentlicht. Allgemeine Urteile, die von der Lage einiger weniger Unternehmen mit meist besonderer Struktur und Marktstellung ausgehen, sind daher keineswegs für die Mehrzahl der Industriebetriebe maßgebend und geben somit auch kein richtiges Bild von der Gesamtlage.

Das gilt insbesondere für die Gewinnlage. Ich habe aus den in der letzten Zeit veröffentlichten Bilanzen kleiner, mittlerer und großer Aktiengesellschaften, aber auch aus denen vieler GmbHs und Personalgesellschaften der mir nahestehenden EBM-Industrie einmal die Bruttoerträge, d. h. den Gewinn vor Abzug der Zuwendungen zu stillen Reserven und Pensionsfonds, den Abschreibungen und Steuern ausgezogen und sie jeweils zum Aktienkapital in Beziehung gesetzt. Dabei ergibt sich, daß die Bruttoerträge außerordentlich unterschiedlich sind und teilweise bis zum Nullpunkt heruntergehen. Man kann sich also vorstellen, wie unterschiedlich bei der großen Zahl der übrigen industriellen Unternehmungen die Ertragslage ist.

Dabei muß ich in diesem Zusammenhang noch auf etwas hinweisen. Einige in der Öffentlichkeit häufig genannte Unternehmen mit günstiger Ertragslage gehören überwiegend entweder der Sphäre der Grund- und Rohstofflieferanten an, oder der Gruppe von Erzeugern spezieller Investitionsgüter. Gerade diese beiden Gruppen befinden sich aber in einer relativ starken Machtposition. Die einen haben ein sehr starkes Gewicht gegenüber ihren Abnehmern, die anderen eine starke Stellung gegenüber ihren Zulieferanten. Diese Abnehmer und Zulieferanten sind aber weitgehend identisch und stellen eine zahlenmäßig sehr große Gruppe kleiner und mittlerer Unternehmen dar. Sie sind also dem Preisdruck ihrer Lieferanten und dem ihrer Abnehmer ausgesetzt.

Den vielen mittleren und kleinen Firmen der Konsumgüterindustrie, für die ebenfalls Großbetriebe keineswegs charakteristisch sind, geht es nicht besser. Sie stehen mit ihren Bezügen in Märkten, auf denen der schärfste Wettbewerb die Preise seit langem aufs äußerste drückt und vielfach die Abwälzung erhöhter Kosten gar nicht zuläßt. Ein Zusammenhang dieser Firmen, um eine Verbesserung ihrer Marktposition zu erreichen, ist aber verboten. Alle diese vielen mittleren und kleinen Unternehmungen haben daher die in den letzten Jahren eingetretenen Kostenerhöhungen zum überwiegenden Teil in sich selbst verkraften müssen. Eine nennenswerte Gewinnerzielung, eine Eigenfinanzierung von Rationalisierungsinvestitionen oder gar eine nennenswerte Reservenbildung war unter diesen Umständen praktisch unmöglich.