Wer naive Dichtung und spielende Phantasie, von aller Wirklichkeit gelöste und doch in der höheren Wirklichkeit der Märchen und Legeiden lebende Phantasie liebt, der wird die Sammlung lappländischer Legenden

Robert Crottet „Verzauberte Wälder“ (Christian Wegner Verlag, Hamburg, 231 S., 9,80 DM)

zu einem seiner Lieblingsbücher erwählen. Robert Crottet versteht, was vielleicht seit Francis Jammes kaum ein europäischer Schriftsteller verstand (denn der Armenier Saroyan lebt in Amerika) Leiter besinnliche Prosa zu schreiben, ohne je an die Grenze des Süßlichen oder Hochtrabenden zu kommen, die gefährlich nahe rückt, sobald man diesen Versuch bewußt unternimmt. Er hatte dazu das Glück, in Maria Honeit eine gemäße deutsche Übersetzerin zu finden.

Die Legenden, die Crottet erzählt, spielen zu einer Zeit, „da die Trennung zwischen Menschen und Tieren nicht so groß war wie in unseren Tagen“. Sie spielen unter guten und bösen Menschen, guten und bösen Geistern und Tieren, es gibt Gott so leibhaftig in ihnen, wie es den Teufel gibt, der sich höchstpersönlich um die hübschen jungen und die bösen alten Weiber kümmert. Es gibt Geschichten von der Reinheit franziskanischer Legenden – wie jene von St. Alexei, der mit seiner Güte und Unschuld alle Menschen und Tiere froh macht und heilt, und andere, die voller Witz, Ironie und ein bißchen Frivolität sind, wie – die harmlosesten von Boccaccios Novellen.

Wer einmal Märchen und Legenden der Völker aller Erdteile verglich, der fand Parallelen, die alle rassischen, zeitlichen und räumlichen Grenzen aufheben zugunsten einiger Mythen – der Treue und der Untreue, der Liebe, der List, der Reinheit – die bei allen ursprünglich denkenden und dichtenden Völkern in verwandelter Gestalt wiederkehren. Wir finden sie auch in diesen lappländischen Legenden.

Die uralte Frau Kaissa aus dem Stamm der Skoltlappen hat Robert Crottet die Legenden erzählt. Allerdings mußte er erst lange bei ihrem Stamm, 400 Kilometer nördlich des Polarkreises in den finnischen Urwäldern leben, bis sie ihn für würdig befand, ihre Geschichten anzuhören. Was Crottet in seinem Vorwort von seinen Freunden, den Skoltlappen erzählt, einem fast vergessenen Stamm der letzten Überlebenden aus der (vermutlich) tibetanischen Ureinwohnerschicht Finnlands, klingt auch wie eine Legende. Man muß es ihren Geschichten und ihrem Chronisten glauben, daß sie die höflichsten, heitersten und phantasiereichsten Menschen der Welt sind, obwohl ich Crottet in dem ehrenden Verdacht habe, daß ein großer Teil dieser Phantasie von ihm selber stammt. Diesen Verdacht muß auch die alte Kaissa gehabt haben, als sie ihn bei seinem letzten Besuch listig schmunzelnd fragte: „Na, und wie geht es mit dem Buch, das wir zusammengelogen haben?“ Zi