In den letzten Wochen ist die Industrie vielfach gefragt worden, ob sie denn nicht zu der Zuspitzung der Konjunkturentwicklung Stellung nehmen werde. Da ich dazu keine Veranlassung gesehen habe, habe ich mich zunächst ganz bewußt zurückgehalten. Und ich bin auch jetzt noch der Meinung, daß sich weniger die Konjunktur zugespitzt hat, als vielmehr die Diskussion darüber. Wenn ich daher jetzt zu all diesen Fragen Stellung nehme, so geschieht das aus denselben Gründen, die mich im Februar dieses Jahres schon einmal zu Ausführungen über das Thema „überhitzte Konjunktur“ veranlaßt haben. Ich habe damals vor der deutschen Wirtschaftspresse festgestellt, daß meine Sorge weniger der Preisentwicklung selbst, als dem hektischen Preisgerede galt. Ich glaube, dies in Anbetracht der neuen „Preisgeredewelle“ wieder feststellen zu, sollen. Bestimmt bin ich dazu in der Lage hinsichtlich des Preisbildes der deutschen Industrie im großen Durchschnitt, ganz besonders aber der Preise in den Konsumgüterindustrien.

Den teilweise versteckten und in Umschreibungen vorgebrachten Vorwürfen und Unterstellungen möchte ich die Meinung der Industrie ganz präzise in wenigen Formulierungen entgegenhalten. Ich werde diese Ausführungen jedoch anschließend mit Daten und Tatsachen untermauern.

1. Die Verallgemeinerung, die darin liegt, daß sowohl von riesigen Industriegewinnen als auch von überspitzten Investitionen und einer überhitzten Konjunktur für die Industrie in ihrer Gesamtheit gesprochen wird, ist falsch und muß korrigiert werden.

2. Das Verhältnis von Eigen- zu Fremdkapital gerade in der mittleren und kleinen Industrie, die den Hauptanteil unseres industriellen Lebens darstellen, ist besorgniserregend und zeugt von einer gefährlichen Substanzauszehrung.

3. Die Gewinnlage der überwiegenden Zahl, besonders der mittleren und kleineren Firmen, ist angespannt, ja, teilweise ungünstig. In den letzten Jahren hat die Mehrzahl dieser Firmen so zahlreiche und zum Teil erhebliche Kostenerhöhungen in sich verkraftet, daß Reserven zu Preissenkungen oder zu weiteren Lohnerhöhungen ohne Preissteigerung im allgemeinen nicht mehr vorhanden sind.

4. Die Preisdisziplin der überwiegenden Mehrzahl der Industriezweige und Unternehmungen in der gesamten Industrie, besonders aber in der Zuliefer- und Konsumgüterindustrie, war in den letzten Jahren vorzüglich. Sie bedarf eigentlich eines öffentlichen Lobes.

5. Weitere Lohnerhöhungen in diesem Zeitpunkt werden daher zahlreiche Firmen gegen ihren Willen zu Preiserhöhungen zwingen, wenn nicht die Betriebe und damit die Arbeitsplätze gefährdet werden sollen. Dazu ist festzustellen, daß alle Erwägungen darüber, was geschehen könnte, um Lohnerhöhungen etwa durch Preissenkungen zu vermeiden, durch die inzwischen bereits durchgeführten Lohnerhöhungen gegenstandslos geworden sind. Mit diesen vollzogenen Tatsachen, die niemand rückgängig machen kann, müssen wir rechnen.