Giovanni Verga: Meisternovellen. Manesse Verlag, Zürich 1955, Übertragung von Rolf Schott. 377 S., Dünndruck. 8,80 DM.

Als Giovanni Verga in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts diese sizilianischen Geschichten schrieb, suchte er, vom Zolaschen Naturalismus beeinflußt, nach einem neuen Stil: dem Verismus. In knapper, sachlicher Form, unter Ausschaltung jeglicher sentimentaler oder rein ästhetischer Neigung, sollte das Dasein beschrieben werden. Vergas dichterische Begabung war stark genug, um aus einer Theorie heraus – und trotz dieser Theorie – eine poetische Eigenart zu entwickeln, die bis in die Gegenwart auf die moderne italienische Literatur nachwirkt, und nur in Italien denkbar ist. Die archaische Einfachheit der Landschaft und ihrer Menschen lebt in Vergas karger, eindringlicher Sprache, deren besonderen Rhythmus der Übersetzer überzeugend wiedergibt. Der Stoff ist so schlicht, wie das Leben der sizilianischen Bauern: Armut, Krankheit, Liebe, Tod sind die immer wiederkehrenden Themen. Verga hat mit diesen Erzählungen eine Prosa geschaffen, die man eine Heimatkunst nennen möchte, und die doch in ihrer geistigen Weite, durch ihre meisterhafte Form, der Weltliteratur angehört.

Gertrud von le Fort: Am Tor des Himmels. Novelle. Insel-Verlag 1954, Wiesbaden, 87 S., 4,80 DM.

Aus einer sorgfältig aufgebauten Rahmenhandlung entwickelt die Verfasserin ihr Thema: die Suche nach Gott im Wandel zweier Epochen und ihrer Weltbilder. In einer Bombennacht wird ein altes Familiendokument vernichtet. Dieses Dokument berichtete vom Prozeß gegen Galilei und erinnert deshalb an die Zeit, in der sich Glaube und Wissen endgültig und verhängnisvoll voneiander trennten. Am Tor des Himmels steht in jener Bombennacht, in der die Erzählerin der Novelle das alte Manuskript las, das Verhängnis der Wissenschaft am Himmel: der im All allein gelassene Mensch ist seinem Weltbild nicht gewachsen. Die Erzählung schließt mit einer tröstlichen Perspektive: eines Tages wird Gott "außerhalb unserer Kausalitätsgesetze" wieder gefunden werden – "ein Gott, der wirklich etwas zu sagen hätte." Die Fabel dieser Novelle ist ein wenig blutleer; allzu deutlich wird sie vom Gedanklichen beherrscht. Hermann Stahl: Ewiges Echospiel. Erzählungen. Carl Schünemann Verlag, Bremen. 106 S., 4,80 DM.

"Garten in Babylon" lautet der Titel der ersten dieser Erzählungen, die beide nach der Erlösung von Schuld fragen. Nach einem Garten inmitten Babylons sucht ein junger Mann, der in seiner einsamen Egozentrik eines Großstadtmenschens durch die Begegnung mit einem Mädchen aufgestört wird. Sein Verlangen nach Unschuld, nach Tilgung einer fast verjährten kriminellen Schuld wird von dem Mädchen nicht verstanden. Doch indem sich der Mann, selbst anzeigt, überholt er seine Ausgangssituation – die Liebe: er wird seinen "Garten in Babylon" in sich selbst, im Gefängnis finden. Diese Geschichte wird sensibel und bildhaft erzählt und überzeugt, weil die innere Entwicklung mit der äußeren übereinstimmt. "Ewiges Echospiel" – die zweite Geschichte – versucht eine Wechselbeziehung von traumhaftem Erleben und wirklichem Geschehen darzustellen. Dieser Bezug ist so kompliziert, daß er von der konkreten Situation nicht ganz getragen wird. In ihren sprachlichen Mitteln ist jedoch auch diese Erzählung ausdrucksvoll und farbig.

Ruth Lutz