Der Polizist neben der Verkehrsampel hebt die Hand, zischt ein "Schon wieder falsch gefahren!" und stoppt den Wagen, der eben aus einer Einbahnstraße rollt. Der Fahrer steigt mit hochrotem Kopf aus, schiebt seinen Wagen auf den Parkplatz und geht betrübt davon. Für ihn ist es aus mit dem Autofahren. Wenn er Glück hat, darf er als Fußgänger oder Radfahrer noch einmal in den Verkehr. Das ist nicht der Wunschtraum eines Verkehrsschutzmannes, sondern die Wirklichkeit. Nur leider nicht für Erwachsene, die solche Strafen mindestens ebenso nötig hätten. So geht es nur bei den Fortgeschrittenen unter den sieben- bis vierzehnjährigen Verkehrsteilnehmern der Fahrschulen der Jugend zu. 52 solcher Fahrschulen, die mit Unterstützung der Deutschen Shell betrieben werden, gibt es heute in der Bundesrepublik und Westberlin. Mit je fünf Tretautomobilen, fünf Kinderfahrrädern, einer Verkehrsampel, allen Verkehrszeichen und der Uniform für zwei jugendliche Verkehrspolizisten honoris causa ausgerüstet, unterstehen sie der Polizei und der Landes Verkehrs wacht.

Bei der Eröffnung des ersten Jugendverkehrsgartens in Stuttgart im Oktober 1953 – inzwischen folgten zwei Verkehrsspielplätze in Berlin, einer in Duisburg und der letzte und neueste in der vergangener Woche in Hamburg – gab Bundesverkehrsminister Seebohm zu bedenken, daß jährlich erheblich mehr Kinder durch Verkehrsunfälle ums Leben kommen als durch Tuberkulose und Kinderlähmung. Kindern spielend die ständig komplizierter werdenden Regeln des "richtigen" Verkehrs zu lehren, ist der Sinn dieser Fahrschulen. Daß Gleichgültigkeit, Leichtsinn und Unkenntnis der Verkehrszeichen und Gesetze die Hauptgründe der ständig steigenden Unfallzahlen sind, beweist die Statistik ebenso deutlich, wie sie den geringen Erfolg aller Verkehrserziehungswochen und anderer Bekehrungsversuche der erwachsenen Autofahrer bestätigt.

Die geringeren Unfallzahlen aus anderen Ländern, die eine größere Verkehrsdichte und höhere Fahrgeschwindigkeiten besitzen, zeigt aber gleichzeitig, daß nicht die "böse Technik", sondern das Fehlen einer "Verkehrsgesinnung" schuld ist, die man Fairneß, die man auch Verantwortungsgefühl für seinen Mitmenschen nennen kann. Der Erwachsene, der diese innere Haltung nicht besitzt, kann allenfalls bestraft, schwerlich erzogen werden. Die Kinder von heute aber können und werden rücksichtsvolle Verkehrsteilnehmer werden, wenn sich mehr und mehr die Verkehrserziehung auf die Jugend konzentriert. Und sie werden dabei mehr für ihr Leben gelernt haben, als ein Auto sicher durch überfüllte Straßen zu lenken. Und schon das ist sehr viel!

Was geht nun also in einer solchen Kinderfahrschule vor sich? In den Orten, die keinen festen Kinderverkehrsspielplatz haben, in allen Orten also, die nicht Berlin, Stuttgart, Duisburg oder Hamburg heißen, improvisieren Polizei oder Landesverkehrswacht einen wirklichkeitsgetreuen Verkehrsknotenpunkt. Da wird mit allen Verkehrszeichen en miniature mit Kreide, einem Spurenstreuer, allenfalls auch mit Ziegelsteinen (aber die machen die Überschreitungen zu schwierig!) auf einem Öffentlichen Platz oder dem Schulhof alles aufgezeichnet, was einen Autofahrer zur Verzweiflung bringen kann: Stopp- und Einbahnstraßen, Rundverkehr, Baustellen, unvermittelt in die Straßenkreuzung ragende Hausecken. Und dann beginnt der Verkehrsunterricht, über den zwei jugendliche Schutzleute und mindestens ein "Echter" wachen.

Alle Situationen des heute üblichen Verkehrs werden durchexerziert – und auch die Überschreitungen und Verkehrssündern sind genau die gleichen, wie bei den Großen! Nur, daß diese Fahrer sie hoffentlich nicht mehr begehen werden, wenn sie einmal anstatt des Tretpedals ein Gaspedal bedienen. Auch sonst ist alles ganz ähnlich: die Wut auf die Radfahrer – die hier aber schneller sind als die Automobile –, die Hoffnung, bei einer kleinen, versehentlichen Übertretung nicht erwischt zu werden. Aber auch hier wird man fast immer erwischt, – und man wird besonders streng vermahnt, wenn man bei Unhöflichkeiten ertappt wird –, gerade weil es dafür später keine Strafmandate gibt.

Sieben europäische Länder und fünf außereuropäische Staaten, darunter Ceylon und Burma, haben bereits die deutsche Einrichtung der Fahrschulen der Jugend übernommen. Mo.