II. Ein Breslauer sieht seine Heimatstadt wieder – Polen und Deutsche blicken nach dem Westen

Von Walter Broga

Breslau (Wroclaw), Ende September

Bin ich in einer Stadt Zentralpolens – oder wirklich auf dem Breslauer Hauptbahnhof? Ich strenge mich an, Vertrautes wiederzuerkennen ... Am Bahnhofsgebäude keine Farbe, kein Schmuck. Nur viel Schmutz und Vernachlässigung überall. Zahllose Menschen sitzen auf Koffern und Bündeln. Worauf warten sie? Die Züge fahren doch ziemlich pünktlich. In ihrer Haltung liegt Stumpfheit, eine Ergebung in die Armseligkeit ihres Daseins, die mich ergreift.

Ein Erinnerungsbild drängt sich auf: Derselbe Bahnhof, schwarz von Menschenmassen, die unter dem Druck der heranrückenden Russen verzweifelt zum Bahnhof drängten, warteten – Tage, Nächte, in der Eiseskälte des Januar 1945 – auf die letzten Züge aus der todgeweihten Stadt. "Nach dem Westen", war damals der Angstruf. Auch heute sind die Blicke Unzähliger dort nach Westen gerichtet.

Was aus dem Westen kommt, erregt Bewunderung. Die seltenen Autos, die sich hierher verirren, will man wenigstens angefaßt haben. Mein Anzug, meine Schuhe fallen sofort auf, sind begehrenswert. Dies kam mir zustatten. Ich "wechsle" mein Hemd, meine Krawatte, später auch meine Socken, endlich meinen Hut in polnisches Geld um, indem ich sie vom Leib weg verkaufe. Erlös für das Hemd 200, für die Krawatte 150 Zloty. Damit kann ich zwei, drei Tage länger in Breslau bleiben. Daß ich unter dem Rock hinfort nur mein Unterhemd trage, fällt hier nicht auf.

Kaninchen in den Badezimmern