Über dem Mittelalter liegt für die allgemeine Geschichtsauffassung noch heute der Schatten, in den es die ebenso glänzend vorgetragene wie schiefe These Jakob Burckhardts von dem nach langer Nacht urplötzlich erstrahlenden Sonnenlicht der Renaissance hatte zurücksinken lassen. Antiker und neuzeitlicher Humanismus verbinden sich in solcher Sicht über einen tiefen geschichtlichen Graben hinweg, in dem Engstirnigkeit, Ignoranz und Fanatismus ihr düsteres Unwesen treiben. Nur die Kunstgeschichte hat schon lange und gründlich umgelernt. Was die Philologie, am überzeugendsten E. R. Curtius, in jüngerer Zeit auf ihrem Gebiet zu erarbeiten begonnen hat, nämlich die Einsicht, daß jene angebliche Trauerzeit des abendländischen Geistes in Wahrheit nicht ein Bruch mit der Antike, sondern die große Phase einer durchaus eigenwertigen Traditionsvermittlung mit ebenbürtigen Leistungen war, das wird jetzt auf dem thematisch begrenzteren, aber nicht weniger aufschlußreichen Gebiet der historiographischen Menschendarstellung bestätigt:

Paul Kirn: Das Bild des Menschen in der Geschichtsschreibung von Polybios bis Ranke. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen. 230 Seiten, Leinen, 12,80 DM.

Kirn untersucht das statistische Instrumentarium der Charakterdarstellung durch einen Zeitraum von rund zweitausend Jahren hindurch und führt den Nachweis einer bis zur Schwelle der Neuzeit reichenden Traditionskette, die auch mit der modernen Wandlung der Historiographie zu einer streng wissenschaftlichen Disziplin nicht völlig abgerissen ist. Verfolgt man mit dem Verfasser, wie die das ganze Mittelalter beherrschende antike Rhetorik die Geschichtsschreibung noch über Ranke hinaus befruchtet, wie die antithetisch vergleichende Doppelcharakteristik (Synkrisis) in Schillers Gegenüberstellung Gustav Adolfs und Wallensteins der gleichen stilistischen Gesetzlichkeit folgt wie der Sallustsche Vergleich zwischen Cäsar und Cato, aber auch wie die Charakterisierung Platos und Aristoteles durch einen Johannes von Salisbury, dann wird nicht nur der geistesgeschichtliche, sondern auch der leistungsmäßige Rang des Mittelalters und sein Ort im europäischen Traditionszusammenhang offenbar.

Der gleiche Tatbestand ergibt sich aus der Untersuchung der einzelnen Formen der direkten wie der indirekten Charakterdarstellung, bei der Polybios, Tacitus, Adam von Bremen, Otto von Freising, Raumer und Ranke in eine Reihe rücken. Die umstrittene Anekdote als Mittel der überraschend treffenden Erhellung des Charakters von Plutarch klassisch begründet, findet man, um nur wenige.zu nennen, bei Philippe de Commynes, dem Kardinal de Retz und in vorsichtig reduzierter Form bei Ranke und anderen Neueren wieder. Die Kirnsche Betrachtung der Stiltradition übersieht nicht die entscheidenden Verschiebungen des Menschenbildes, das große Problem des sich wandelnden Charakters, den erst die Neuzeit in seiner ganzen Fülle von möglichen Widersprüchen entdeckt hat. Ungeachtet dieser verschiedenartigen Voraussetzungen aber hat sich bei den hervorragenden Chronisten aller Zeiten die geschichtliche und menschliche Wirklichkeit in Charakterbildern niedergeschlagen, in denen sich eine beharrliche Dialektik von Größe und Schwäche, Bestehen und Versagen bekundet,

Kirn ist der Ansicht – und er überzeugt auch den aufmerksamen Leser davon daß die Sichtung mittelalterlicher Quellen, um die es ihm hauptsächlich zu tun ist, nicht ein qualvolles Muß zu sein braucht, sondern durchaus zum Genuß werden kann. In seinem Schlußkapitel zeigt er an Michael Psellos und Giraldus Cambrensis in höchst eindrucksvoller Weise, daß so mancher Chronist jener "dunklen" Jahrhunderte ein Geschichtsschreiber und zugleich ein Stilist war, der sich neben seinen mit Nachruhm besser bedachter Kollegen aus Antike und Neuzeit wohl sehen lassen kann und, wie Kirns lehrreiches und flüssig geschriebenes Buch erweist, mit ihnen in der gleichen geistesgeschichtlichen Entwicklungslinie steht.

Erich Köhler