Bevor ich diese Feststellungen im einzelnen erhärte, ein kurzes Bild der allgemeinen Lage, wie sie sich uns darstellt. Es erscheint mir grotesk, daß in einem Zeitpunkt, in dem unsere wirtschaftliche Lage allgemein so zufriedenstellend ist wie nie nach dem Kriege, Sorgen über unsere Wirtschaftsentwicklung so dramatisch behandelt werden.

Wie steht es nun mit den Preisen? Nach den neuesten Angaben des Statistischen Bundesamtes sank der Preisindex für die Lebenshaltungskosten im August gegenüber dem Juli von 111 auf 110, wenn man 1950 gleich 100 setzt. Dieser Saisonabschlag hat die allgemeine Anhebung um 2 v. H. gegenüber 1954 zum Teil schon wieder wettgemacht. Der Index der Verkaufspreise des Einzelhandels sank von 106 im Juli auf 105 im August, also etwa parallel mit den Lebenshaltungskosten. Die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise stiegen von Juli 1954 bis Juli 1955 um 3,5 v. H. Der Baupreisindex ist von Mai 1954 bis Mai 1955 um etwa 9 v. H. gestiegen. Die Preise der Grundstoff- und Produktionsgüterindustrien erhöhten sich von Juli 1954 bis Juli 1955 um 6,3 v. H. Die Investitionsgüterindustrie weist eine Preiserhöhung ebenfalls im gleichen Zeitraum von 2,5 v. H. auf. In der Verbrauchsgüterindustrie ist von Juli 1954 bis Juli 1955 indexmäßig keine Preisbewegung festzustellen. Bei den Nahrungs- und Genußmittelindustrien ist der Index in derselben Zeit um einen Punkt gestiegen.

Diese Tatsachen erlauben folgende Schlußfolgerungen: Der Rückgang der Preisindizes für Lebenshaltungskosten und Einzelhandel ist zwar nur mäßig. Er bestätigt aber meine Feststellung, daß eine Dramatisierung unserer Lage nicht am Platz ist. Die Preisentwicklung im Industriebereich zeigt deutlich, daß der Preisanstieg um so geringer wird, je näher man an den Konsumbereich dringt. Fast alle Sparten der Konsumgüterindustrie stehen unter scharfem Wettbewerbsdruck.

Die Preiserhöhungen bei den Grundstoff- und Produktionsgütern bedürfen dabei noch einer kurzen Analyse. Bei den Weltrohstoffen sind die Preiserhöhungen im ganzen nicht beunruhigend. Von Juli 1954 bis Juli 1955 ist z. B. der deutsche Index der Weltmarktpreise um 1,2 v. H. gestiegen. Wir haben aber Sonderbewegungen gehabt, und zwar besonders beim Rohkautschuk, wo sich die Preise seit Mitte des Vorjahres um 88 v. H., und bei Kupfer, wo sie sich seit dem gleichen Zeitraum um 48,4 v. H. erhöht haben. Dabei sind die Preise z. B. für Fahrradbereifungen nur um etwa 6 v.H. heraufgesetzt worden, und bei den Kupfererzeugnissen fand eine wesentliche Abwälzung auf den Verbraucher nicht statt. Die Schnittholzpreise stiegen im gleichen Zeitraum um durchschnittlich 22 v. H. Dafür ist im wesentlichen der Staat als Preisführer verantwortlich. Die Disziplin der Holz verarbeitenden Industrie wird beispielsweise durch die Preiserhöhung von 3,6 v. H. bei Möbeln bewiesen. Bei den Baustoffen ergaben sich von Mai 1954 bis Mai 1955 Preiserhöhungen von durchschnittlich 12,5 v.H. Dabei stiegen die Bauholzpreise um 31 v. H., Ziegelsteine um 7,4 v. H., Baueisen um 1,7 v. H., Kalk um 0,7 v. H. Der Zementpreis ist um 1 v. H. gesunken.

Nur um einmal ein kurzes Licht auf die nicht von der Industrie zu vertretenden Preise zu werfen, sei hier angeführt, daß der gleiche Preisindex eine Erhöhung der baupolizeilichen Gebühren um 10,4 v. H. im selben Zeitraum anzeigt.