dd., Frankfurt

Drei Tage lang durfte jedermann kostenlos zwischen den Städten Frankfurt und Offenbach hin- und herfahren, so oft er wollte. Mit dieser Geste wollte die Deutsche Bundesbahn der "Lokalbahn", die mit Inkrafttreten des Winterfahrplans am 2. Oktober 1955 stillgelegt wird, ein ehrendes Angedenken bei den Einwohnern des Rhein-Main-Gebietes sichern.

Die Bundesbahn hat theoretisch 874 Kilometer Bahnfahrt verschenkt, für die sonst laut Tarif 51 DM zu bezahlen sind. Die 31mal täglich in beiden Richtungen befahrene Strecke ist laut Kursbuch 4,7 Kilometer lang. Sie beginnt beim Lokalbahnhof in Frankfurt-Sachsenhausen und endet beim Lokalbahnhof in Offenbach. Dazwischen liegt die Station Oberrad, die der normalen Durchgangsstrecke Frankfurt-Offenbach-Hanau und der Lokalbahn – genannt "Äppelwoi-Expreß" nach dem Nationalgetränk der Offenbacher und Frankfurter – gemeinsam ist.

Die jetzt stillgelegte Strecke zählt zu den ältesten Eisenbahnlinien Deutschlands. Frankfurt und Offenbach waren ebenso wie Berlin und Potsdam, Nürnberg und Fürth, Düsseldorf und Elberfeld wirtschaftlich eng verbundene Nachbarstädte, die sich dem Dampfeisenbahn-Experiment der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts geradezu aufdrängten. Am 12. Dezember 1842 wurde daher ein Staatsvertrag zwischen dem Großherzogtum Hessen und der Freien Reichsstadt Frankfurt über eine Bahn von Sachsenhausen nach Frankfurt abgeschlossen, die Strecke selbst allerdings erst im Revolutionsjahr 1848 fertiggestellt. Damals hatte Offenbach wenig über 10 000 Einwohner. Heute hat die Lederstadt längst die 100 000 überschritten.

Die letzten drei Tage in der 107jährigen Geschichte der Bahn lassen es allerdings zweifelhaft erscheinen, ob sie von den Offenbachern und Frankfurtern bereits als überflüssig angesehen wurde. Der Andrang derer, die vom "Äppelwoi-Expreß" mit einer kostenlosen Fahrt Abschied nehmen wollten, war überraschend groß. Die Bundesbahn verordnete daher schon am ersten Freifahrttag, daß Kinder nur in Begleitung Erwachsener Zutritt haben sollten, und daß in den Zeiten des Berufsverkehrs die Inhaber von Zeitkarten vor den Gratisfahrern den Vorrang haben sollten. Seit Sonntag ist es still geworden auf den Gleisen dieser alten Bahnstrecke, die nicht wie andere Linien aus jener Zeit – siehe Nürnberg-Fürth, Berlin-Potsdam und so weiter – das Glück hatte, in das große Fernstreckennetz einbezogen zu werden und die stets "Lokalbahn" geblieben war.