Berlin, Anfang Oktober

In den letzten Septembertagen trafen sich die lehrenden und ausübenden Psychologen Deutschlands in der Freien Universität zu Berlin. Sie tagten in dem Henry-Ford-Gebäude, das mit seiner fast erschreckend nüchternen und doch harnonischen Architektur die Freie Universität vor einem Jahr zur modernsten Hochschule Europas gemacht hat.

Der Psychologen-Kongreß begann im Zeichen der Trauer: nur wenige Tage zuvor verstarb plötzlich Professor Dr. Oswald Kroh, der Inhaber des psychoogischen Lehrstuhls an der Freien Universität Berlin. Dr. Hans Martin würdigte den Lebensweg und die Verdienste des Verstorbenen, dessen Name noch im Programm mit einem Vortrag "Über Aufbau und Ordnung des seelischen Lebens" aufgeführt war.

Schon früh, als Volksschullehrer, hatte Oswald Kroh einen lebendigen Kontakt zu psychologischen Fragen gefunden. Sein Wunsch nach einer wissenschaftlichen Vertiefung seiner Beobachtungen und Begegnungen führten ihn zur Aufnahme von Universitätsstudien und, im Jahre 1922, zu einer Habilitationsschrift "Anschauungsbilder bei Jugendlichen". Seine "Phasenlehre" ist bis heute eine wesentliche Grundlage für eine menschlich gerechte und behutsame Pädagogik geblieben. In Krohs Sinne dürften daher auch die Ausführungen des Berliner Phiosophen Professor Eduard May gewesen sein, der an die Herkunft der Psychologie aus der Philosophie erinnerte und mit einigem Bedauern, wenn auch mit sachllicher Anerkennung auf die Entwicklung zur Praxis, zum Test, zum Experiment verwies. Es sei ein Irrtum zu glauben, daß Theorie, die übergeordnete, zweckfreie Schau, notwendig immer nur unverbindliche Betrachtung sein müsse, die dem Menschen nicht helfe. Je exakter die Test-Verfahren in der Psychologie würden, desto stärker blieben sie an der Peripherie. In jedem Falle müsse den jüngeren Studierenden der Psychologie eine ernstere Auffassung auch des rein Theoretischen empfohlen werden.

Professor Dr. Wolfgang Metzger hingegen versuchte eine Ehrenrettung des Psychologischen Experiments. Besonders in Deutschland löse schon das Wort "Experiment" eine gefühlsmäßige Abneigung aus. Ob der Mensch wirklich ein so ungeeignetes Objekt für das Experiment sei, müsse das Experiment selbst erst im Laufe der Zeit erweisen. Auch Galiläi hätte mit ganz äußerlichen, ganz simplen Tatsachen begonnen und wäre ohne das Experiment nicht zu seinem epochalen Weltbild gelangt. Schon im einfachen Volksmärchen erkenne man Testszenen oder Situationen.

Auch Professor H. Düker (Marburg) vertritt die experimentelle Richtung der Psychologie, aus deren Praxis G. A. Lienen, ebenfalls aus Marburg, mit dem Bericht über seine "Pharmoko-psychologischen Untersuchungen über den Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit" etwas beklemmende Details darstellte: "Mit dem pharmazeutischen Produkt Lysergsäure könne man den Menschen temporär auf frühere Stufen seiner seelischen und geistigen Entwicklung zurückbringen, so daß ein präziser Einblick in den Aufbau und die Struktur der Persönlichkeit gestattet ist.

Eine scharfe Kontroverse zwischen dem Freiburger Psychologen Professor Dr. Robert Heiss und I. H. Schulz zeigte die heutige Position der Psychoanalyse innerhalb der Psychologie. Es erwies sich, daß die Freudsche Richtung keineswegs überwunden ist, sondern sich in den meisten übrigen Schulen integriert.