Von Wolf Graf Baudissin

Wolf Graf Baudissin, im Verteidigungsministerium zu Bonn Leiter der Abteilung "Inneres Gefüge", wird verantwortlich für die Reform soldatischer Erziehung sein. Seine Thesen vom "Staatsbürger in Uniform" haben bei der älteren Generation Aufsehen, bei der Generation der zukünftigen Rekruten aber die Hoffnung erweckt, daß es aus und vorbei sein werde mit dem "alten Zopf und 08/15-Betrieb". Wieweit Erfahrungen einer Amerikareise ihn berührt haben, schildert Baudissin in folgendem Bericht.

Soll ich das Radio anstellen, oder ziehen Sie es vor, sich mit mir zu unterhalten?" – Diese Frage des Taxichauffeurs, der mich in Washington zum State Department bringen sollte, beeindruckte mich nicht minder als die anschließende Unterhaltung, die ich natürlich "vorzog", zumal sie meine erste selbständige Begegnung mit einem amerikanischen Bürger in den USA darstellte. Ihr sind im Laufe einer achtwöchigen Reise durch die verschiedenen Staaten viele ähnliche gefolgt. Bei allen ist mir die selbstverständliche Ungezwungenheit aufgefallen, mit der sich die Menschen drüben begegnen: jenes allgemeine Gefühl der Gleichberechtigung, das keine Grenzen zwischen Berufen oder Gehaltsklassen kennt und seinen eigenen Stil gefunden hat, wie er sich in ganz bestimmten, allgemein gültigen Formeln und Riten für Begrüßung und Abschied ausdrückt und dem einzelnen eine verblüffende Sicherheit verleiht. Sei es das "How do you do" des einfachen Soldaten zum Offizier, sei es das Fehlen der Zäune zwischen den Grundstücken oder die offenen Türen in Büro und Haus: überall herrscht eine brüderliche, immer hilfsbereite Kameradschaft – allerdings auf Kosten des Privaten.

Freizeit ist wichtiger

Auch das Verhältnis zum Vorgesetzten sowohl im zivilen wie im militärischen Bereich ist im allgemeinen unkomplizierter als in Deutschland. Es fehlt ein persönliches Ressentiment gegen den jeweiligen Machthaber. Er wird in erster Lilie als Träger einer Funktion gesehen, die man möglicherweise morgen selber ausüben kann. Geringe Überschreitungen der Amtsgewalt werden nicht sehr tragisch genommen, weil der Beruf nur einen Teil des Lebens darstellt; die Freizeit ist wichtiger und wird die volle Gleichberechtigung gegenüber dem Vorgesetzten wieder herstellen. Sollte dieser in seiner Willkür tatsächlich zu weit gehen, träfe ihn die Ablehnung der geschlossenen Gemeinschaft, auf deren good will er sich angewiesen weiß.

In Grundsatzfragen der amerikanischen Politik bemerkt man einen erstaunlichen consensus omnium. Es gilt zwar als schlechter Stil, über den Unabhängigkeitstag hinaus Patriotismus zu bekunden; doch blickt der überwiegende Teil der Bevölkerung voll Stolz auf seine USA, die nach zwei gewonnenen Kriegen zur Weltmacht wurden und dem einzelnen Bürger ein hohes Maß an Sicherheit und Ansehen vermitteln. Gewiß gibt es weite Kreise, die dem politischen Alltagsgeschehen gleichgültig gegenüberstehen. Jedoch geschieht es hier – im Gegensatz zur deutschen Situation – nicht aus einem Gefühl der Ohnmacht oder Enttäuschung, sondern in dem Vertrauen, daß es auch ohne die eigene Mitarbeit gutgehen werde.

Die nationale Sicherheit wird als eine Frage empfunden, die jeden Menschen als Staatsbürger, zumindest aber als Einwohner der USA angeht. Man begreift darunter allerdings ein viel komplexeres Problem als das rein militärische. Dabei besteht für viele Amerikaner offensichtlich keine zwingende innere Verbindung zwischen Statt und Streitkräften, zwischen staatsbürgerlichem Bewußtsein und Wehrdienst – zumindest nicht im Frieden.