Auch an den westdeutschen Wertpapierbörsen machte sich in der vergangenen Woche die politische Unsicherheit bemerkbar, die durch die Erkrankung des amerikanischen Präsidenten ausgelöst wurde. Durch massive Auslandsverkäufe wurde ein starker Druck auf die Aktienkurse ausgeübt, der zu Verlusten führte, wie sie seit Jahren nicht mehr an den westdeutschen Wertpapierbörsen zu verzeichnen waren. Dieser Abgabedruck von Seiten des Auslandes wirkte sich deswegen so stark an den deutschen Börsen aus, weil die Banken infolge der restriktiven Kreditpolitik der BdL nur geringe Aufnahmebereitschaft zeigten. Es handelt sich freilich um Sondereinflüsse, die zu einer pessimistischen Zukunftsprognose keineswegs berechtigen.

Ungeachtet der Tatsache, daß die Hohe Behörde die Lage auf dem Kohlenmarkt weiterhin als nicht alarmierend beurteilt und glaubt, daß Im Augenblick keine unmittelbaren Ursachen vorlägen, die eine Anwendung besonderer Maßnahmen rechtfertigen, ist die Kohlenversorgung in der Bundesrepublik nach wie vor stark angespannt. Aus den verschiedensten Teilen der Bundesrepublik kommen Alarmrufe. Vertreter der in Cuxhaven beheimateten Fischdampfer-Reedereien sprechen von einer "erneuten Katastrophe", der die deutsche Fischdampferflotte in der Kohlenversorgung zutreibe. Die Kohlenvorräte der Fischereihäfen seien erschöpft. Von dem Hamburger Kohleneinzelhandel hören wir, daß erst jetzt die für August terminierten Lieferungen eingetroffen seien.

Der von Bundeswirtschaftsminister Erhard eingeleitete Feldzug für Preissenkungen konnte in der vergangenen Woche auf verschiedenen Gebieten Erfolge buchen. Anläßlich der Eröffnung der Fachmesse und Leistungsschau "Kunststoffe 1955" am vergangenen Sonnabend erklärte der Minister, daß die deutsche Wirtschaftspolitik jetzt vor der "fast geschichtlichen Entscheidung" stehe, entweder die Hochkonjunktur durch vernünftigen Verzicht auf höhere Löhne und Preise weiter in Gang zu halfen oder zu dem alten liberalistischen Schema zurückzukehren, wo nach einer Hochkonjunktur ein Prozeß der Depression durch Diskonterhöhungen und Kreditbeschränkungen mit dem Ergebnis einer allgemeinen Produktionsverminderung folgen müsse. Erhard richtete wiederum eindringliche Appelle an die Gewerkschaften und die Unternehmer, sich bei ihren Forderungen Und Entscheidungen der Verantwortung für das Ganze bewußt zu sein.