Rlt., Düsseldorf

Die Verkehrsdichte im Industrieland Nordrhein-Westfalen steht vielerorts im krassen Gegensatz zu den mittelalterlich anmutenden Straßenverhältnissen. Nachdem in den vergangenen Jahren die dringendsten Bauten zur Wiederherstellung der Städte, der Behörden, der Schulen und Brücken durchgeführt werden konnten, haben nun großzügige Straßenprojekte in der Dringlichkeitsliste die erste Stelle inne. Ein Zehnjahresplan des Ruhrsiedlungsverbandes ist entstanden, der ohne Berücksichtigung des Ruhrschnellweges – im Volksmund Ruhrschleichweg genannt – allein schon eine Bausumme von rund 500 Mill. DM vorsieht. Vor allem sind einwandfreie Ortsdurchfahrten durch die Ruhrstädte vorgesehen. Unabhängig davon haben Düsseldorf, Duisburg und Köln ihre eigenen Projekte teils entworfen, teils bereits in Ausführung.

Nahe des Duisburger Hauptbahnhofs sind an einer großen Baustelle die Arbeiten an der Nord-Süd-Achse, einer 20 Kilometer langen Tief- oder Hochstraße, im vollen Fluß. Rund 110 Mill. DM wird die Straße kosten, die frei von allem Querverkehr sein wird. Dieser Bau gehört zu den anspruchvollsten kommunalen Straßenbauvorhaben im Ruhrgebiet. Wahrscheinlich wird hier sogar die modernste Straße der Bundesrepublik entstehen; eine Straße, die teils unter den jetziger, teils über den jetzigen Fahr- und Fußwegen führen wird.

Die Hauptachse durchstößt die industrielle! Kerngebiete Groß-Duisburgs, nimmt mit 14 Anschlüssen alle wesentlichen Verkehrszuflüsse als ihrer Umgebung auf, überwindet mit 52 Kreuzungsbauwerken alle Hindernisse und unterfährt den Vorplatz des Duisburger Hauptbahnhofs, wo es Parkgelegenheiten gibt und Treppenanlagen ins Empfangsgebäude des Bahnhofs führen. Über die Ruhr, über den Rhein-Herne-Kanal und über einen Teil des Hafengebiets mit seinem Industriegelände hinweg wird die neue Straße als Viadukt von fast zwei Kilometer Länge geführt. Allein dieses Stück Straße kostet etwa 35 Millionen. Großzügig ist die Planung. Das Profil dieser Autobahn beträgt im Durchschnitt 30 Meter Breite (bei vier Meter breitem begrüntem Mittelstreifen). Zwei Meter breite Sicherheitsstreifen und Radwege schließen sich an, wobei für die Mopedfahrer besondere Wege vorgesehen sind. Die neue Autostraße soll 80 v. H. des gesamten Verkehrsstrome; in der Nord-Süd-Nord-Richtung der Stadt aufnehmen. Dabei ist das Zweieinhalbfache des gegenwärtigen Verkehrsstandes und eine durchschnittliche Fahrgeschwindigkeit von 60 Stundenkilometern zugrunde gelegt.

Die Landeshauptstadt Düsseldorf hat einen ebenso bemerkenswerten Plan. Zunächst wird die eleganteste Straße der Stadt, die Königsallee, nur noch eingleisig werden. Der Fahrdamm auf der Geschäftsseite soll wegfallen. Ein 35 Meter breite! und 800 Meter langes "Parkett nur für den Fußgänger" ist projektiert. Ein breiter Raum zum Promenieren wird städtebaulich bunt gestaltet. Zwei Milliarden Mark sind von privaten Bauherren und von der Stadt seit der Währungsreform in Düsseldorf verbaut worden; drei Milliarden Mark werden die nächsten Jahre erfordern, wenn alle Wünsche und Pläne für diese nach Bonn am dichtesten besiedelte Stadt Westdeutschlands verwirklicht werden. Serien von Hochhäusern werden in der City erstehen. Zwei 45 Meter breite neue Straßen, die quer durch die Trümmer des alten Düsseldorfs gelegt wurden, sind nahezu fertig. Häuser entstehen rechts und links in modernen Architekturen. Wichtige Kreuzungen sind untertunnelt. Für den übergeordneten Verkehr wird dieses System durch hochgelegene Autostraßen ergänzt, die die Stadtmitte berühren und bis zur Autobahn Berlin – Frankfurt weitergeführt werden.

Das erste derartige Projekt mit einer neuen Rheinbrücke und rund sieben Kilometer langen Auffahrtstraßen ist bereits im Bau. Der Düsseldorfer nennt es seinen "Tausendfüßler", weil dieser Viadukt fast auf tausend Säulen ruhen wird. Er kostet 80 Millionen und wird in zwei Jahren fertig sein.

Köln, das gerade erst seinen Gürzenich wiederaufgebaut hat, hält ein ebenso großartiges Projekt bereit. Eine Hochstraße von mehreren Kilometern Länge und der Breite einer Autobahn, vom Herzen der Domstadt quer durch das Ruinengewirr des alten Teiles mit unmittelbarer Verbindung an die Autobahn Düsseldorf–Berlin oder südlichen Kurs Richtung Frankfurt–Salzburg ist auf dem Reißbrett fertig und wird von den Stadtvätern zur Stunde erörtert.

Setzt sich diese kühne Idee durch, dann werden die Kölner eine Straße auf einer Stahlkonstruktion in etwa vier bis fünf Meter Höhe haben. Diese Autobahn wird von keiner Kreuzung geschnitten und von keiner Ampel "beschrankt" sein. Etwa zwölf Auf- und Abgänge, ähnlich wie an den Autobahnen, sind vorgesehen. Unter der Straße ist Raum für den Fußgängerverkehr, für den Rad- und Mopedverkehr und vor allem auch viel Platz fürs Parken. Einige Dutzend Millionen wird auch dieses Projekt kosten.