Die sechsundzwanzig "Ausgewanderten Maler", deren Werke das Leverkusener Museum in Schloß Morsbroich der nachdenklichen Erinnerung der ehemaligen Landsleute vorstellt, haben miteinander nichts anderes gemein, als daß sie Deutschland verließen. Die Ausstellung zeigt eine Gruppe aus dem großen Exodus des freien Geistes, an dem geniale Künstler wie Paul Klee und Max Beckmann, aber auch viele kleinere Talente teilgenommen haben. Paris war der Treffpunkt der exilierten Künstler. Nur wenige gingen in den Süden – so Eduard Bargheer, Hans Purrmann und Max Pfeiffer-Watenphul – und wurden "Italiendeutsche". Es fällt auf, daß sie den Kontakt mit der Heimat nicht verloren haben. Auch Rolf Nesch, der 1933 nach Norwegen emigrierte, hat ja im Nachkriegsdeutschland, weniger in seiner Wahlheimat, ein begeistertes Publikum gefunden.

Für andere war Deutschland nur die Ausgangsbasis. Max Ernst ging bereits 1922 nach Paris und schloß sich mit anderen Ex-Dadaisten zu der surrealistischen Gruppe um André Breton zusammen. Wenn er seit langem als der ursprünglichste Hauptmeister des Surrealismus in der Malerei gilt, dann verdankt er diesen internationalen Ruhm der Tatsache, daß er seine Karriere in Paris begonnen und gemacht hat. Ebenso setzte sich der in Berlin geborene Graphiker Ferdinand Springer frühzeitig (1927) nach Paris ab; er gehört zum geometrischabstrakten Flügel der neuen Ecole de Paris. Wieder andere blieben vorübergehend auf dem Zug vom Osten nach Paris in der Zwischenstation Deutschland. Einer dieser malenden Globetrotter ist Jules Pascin, der von 1903 bis 1905 in München für den "Simplizissimus" gezeichnet hat, aber lange vor dem ersten Weltkrieg in den Kreis der französischen Fauves geriet. Seine Beziehungen zu Deutschland sind also sehr locker, während der Bildhauer Moise Kogan aus Bessarabien länger in München gearbeitet hat und in Paris, wo er bis zu seinem Tode 1930 gelebt hat, als deutscher Künstler galt.

Aber solche freiwilligen Auswanderer sind Ausnahmen. Die meisten sind gewaltsam vertrieben worden. Jankel Adler aus Polen, der in den zwan-. ziger Jahren im Rheinland festen Fuß fassen konnte, wurde nach England verschlagen und beeinflußte die dortige Malerei. Der jüngste im Kreis um den "Blauen Reiter", Heinrich Campendonck, zog nach Amsterdam und übernahm ein holländisches Lehramt; ein anderer Rheinländer, Heinrich M. Davringhausen, der früher die "neue Sachlichkeit" verkündete und heute gegenstandslos malt, ließ sich in Südfrankreich nieder. Der Bayer Josef Scharl mußte seine bäuerlich schwere Porträtmalerei in den USA weiterführen. Eine besonders wichtige, bei uns zu wenig bekannte Schlüsselfigur in dem Netz von Beziehungen zwischen französischem Kubismus und Abstraktion in Deutschland, der Stolper Otto Freundlich, starb in einem Vernichtungslager.

Manchen brachte die Flucht in die persönliche Freiheit auch die Entfesselung ihrer künstlerischen Kräfte. Eine solche Steigerung kann man vornehmlich bei den jüngeren Emigranten, wie Hans Härtung aus Dresden, F. W. Wendt (Berlin), bei dem ehemaligen Frankfurter Francis Bott, dem Schlesier Johnny Friedländer, der sensiblen, hier noch unbekannten Greta Sauer aus Bregenz sowie nicht zuletzt bei dem 1951 verstorbenen, hochbegabten Wols beobachten. Sie alle arbeiten in Paris; aber als Maler einer neuen Realität sind sie weder französisch noch deutsch, sondern Vertreter einer übernationalen Kunst. Zum Schluß sei noch ein Sonderfall genannt: die hochbetagte Emma Stern aus St. Wendel im Saargebiet, die 1935 auswanderte und mit 70 Jahren, eine zweite Grandma Moses, zur Sonntagsmalerin wurde. Daß auch die Großmütter den Wanderstab der Künstler ergriffen haben, mag in dieser Schicksalsgemeinschaft der erzwungenen und freiwilligen Expatriierten versöhnlich stimmen. Eduard Trier