o. c., Bremerhaven

Den "Bahnhof am Meer" auf der Columbuskaje in Bremerhaven, wo es nur wenige Schritte von Bord in den D-Zug sind und wohin die Bundesbahn zu jeder Schiffsankunft einen Sonderzug detachiert, laufen jetzt elf Passagierschiffe wieder in regelmäßigem Linienverkehr an. Im Großtopp der Ozeanriesen wehen Reedereiflaggen aus USA, der Bundesrepublik, Griechenland, Kanada, Schweden, Italien und Norwegen. Die meisten der 58 271 Passagiere, die in den ersten acht Monaten dieses Jahres in Bremerhaven deutschen Boden betraten oder verließen, trugen ihre Namen in die Fahrgastlisten der United States Lines ein, die mit ihren beiden Schiffen United States (53 000 BRT) und America 15 595 Reisende beförderten. Aber schon an zweiter Stelle ist der Norddeutsche Lloyd zu nennen. 13 164 Passagiere gaben seiner Kontorflagge den Vorzug, obwohl sein einziges Passagierschiff Berlin gut ein Vierteljahrhundert alt ist. Zieht man dazu in Betracht, daß das zweite Fahrgastschiff unter deutscher Flagge, die Seven Seas der vor wenigen Monaten gegründeten Europa-Kanada-Linie‚ schon 3516 Reisende registrieren konnte, darf man daraus wohl Rückschlüsse auf die Beliebtheit der deutschen Passagierschiffahrt ziehen, die eindeutig auf die Chancen eines Ausbaues des deutschen Dienstes mit neuen Schiffen hinweisen.

Der Fahrgastverkehr an der Columbuskaje nimmt seit Jahren ständig zu. Zwar waren es nach dem Kriege zuerst vor allem Zehntausende von DPs und Auswanderern (displaced persons, aus den Ostblockstaaten Vertriebene oder nach dem Krieg nicht in diese Staaten zurückgekehrte Ausländer), die dort ein zertrümmertes Europa für immer verließen, aber seit zwei Jahren überwiegt doch unbestritten der wirkliche Reiseverkehr. Im ganzen Jahr 1953 beispielsweise passierten einschließlich der Auswanderer 77 700 Personen den Bahnhof am Meer, während von den gut 58 000 Fahrgästen der ersten acht Monate dieses Jahres allein 18 792 einreisten. Das sind schon rund 300 mehr als von Januar bis Dezember 1953 insgesamt.

Bremerhaven wird im Volksmund scherzhaft als Vorort von New York bezeichnet, nicht zuletzt weil manche seiner Bürger Englisch besser verstehen als -vielleicht Bayrisch. Das wird verständlich, wenn man die Fahrgastzahl nach Herkunfts- und Bestimmungsland aufschlüsselt. Den Löwenanteil bestreiten dabei in der Berichtszeit die USA mit 14 732 Einreisenden bei 20 563 Ausreisenden. 2569 kamen aus Kanada, 14 808 fuhren dorthin. Nach den französischen und englischen Kanalhäfen buchten 1231 Reisende, 1050 wurden von dort ankommend registriert. Der Rest entfällt auf den Australienverkehr. Nimmt man dazu die Truppenaus- und -einschiffungen der USA, so ergeben sich Zahlen, die an die Blütezeit Bremerhavens zwischen 1927 und 1930 heranreichen. Das Land Bremen macht sich daher schon Gedanken, die Fahrgastanlagen des Bahnhofs am Meer weiter auszubauen, um auch die künftigen Aufgaben mit der Schnelligkeit abwickeln zu können, die Bremerhavens Ruf begründet hat.