D. L., London, im Oktober

Die Gerüchte über eine mögliche Abwertung des Pfundes verdichteten sich, als in Paris über die Erneuerung der Europäischen Zahlungsunion diskutiert und im Zusammenhang damit zumindest eine Erweiterung der Schwankungsgrenze für die Notierungen der Sterling-Devise gefordert wurde. Erst Ende Juli dementierte die britische Regierung jegliche Absichten, "unter den gegenwärtigen Umständen" abzuwerten. An Stelle dessen aber verkündete Schatzkanzler Butler eine Reihe von Maßnahmen zur Abbremsung der Inlandkonjunktur, die (wenn auch von ähnlichen Umständen getragen) an die Ära von Sir Stafford Cripps erinnern: Abbau bestehender Bankkredite und Beschränkung der Neuvergaben, Aufschub und Kürzung der Investitionsprogramme der verstaatlichten Industrien, Eindämmung der Kommunalausgaben, Erhöhung der Mindestanzahlung bei Teilzahlungsgeschäften für sehr viele Haushalts- und Luxusartikel sowie für Kraftfahrzeuge von 15 auf 33,3 v. H. und Kürzung der überseeischen Regierungsausgaben.

Als die britische Regierung zum Jahresbeginn den Diskontsatz auf 4 1/2 v. H. erhöhte, war sie sich zweifellos bewußt, daß damit allein der schleichenden Inflation nicht begegnet werden konnte, und die Erholung des Pfundkurses war dann auch nur von kurzer Dauer. Daher wurde mit der Einführung weiterer restriktiver Maßnahmen gerechnet, gleichzeitig aber angenommen, daß diese unmittelbar darauf erfolgen würden. Die Verzögerung läßt sich daher nur aus parteipolitischen Gründen erklären; denn während die Diskontsatzerhöhungen im Januar und Februar nur einen kleinen Kreis der britischen Bevölkerung betrafen, mußten die Juli-Restriktionen auf unvergleichlich breiterer Ebene fühlbar werden und hätten vor den Parlamentswahlen ihren Ausgang zuungunsten der Konservativen beeinflussen können. Vorangegangene Maßnahmen – Erhöhung der individuellen und betrieblichen Sozialabgaben – konnten durch eine geringfügige Senkung der Einkommensteuer abgefangen werden, ohne daß die Lohnspirale wieder in Bewegung gesetzt wurde.

Die Erfahrungen der letzten drei Monate lassen es zweifelhaft erscheinen, daß es Butler gelungen ist, dem Inlandmarkt Waren für den Export zu entziehen. Sicher ist jedoch, daß die Finanzpolitik kaum dazu beiträgt, das Produktionsniveau zu heben. Butler ging von der Voraussetzung aus, daß der Export durch die hypothetischen 5 v. H. der Produktionserhöhung je Jahr und Drosselung des Inlandmarktes bis zu 15 v. H. gesteigert werden könne, während die Lebensmitteleinfuhren dank der zu erwartenden Rekordernte geringer sein würden und sich damit das Direktziel der britischen Regierung, nämlich der Ausgleich der Außenhandelsbilanz, erreichen ließe. Diese Voraussetzungen haben sich jedoch nur teilweise erfüllt. Durch die Streiks ist es fraglich geworden, ob die tatsächliche Produktionserhöhung 4 v. H. überschreiten wird. Die erwartete Zurückhaltung der Inlandkonsumenten ist bisher ausgeblieben, und die Länder des Commonwealth, bei denen (wie z. B. Australien) die gleichen inflationistischen Tendenzen vorherrschen, haben ihrerseits Importkürzungen erlassen, die kein Land gegenwärtig so hart treffen wie Großbritannien...

Bei Beurteilung des Gesamtkomplexes fragt man sich in britischen Wirtschaftskreisen, welche weiteren Reserven Butler in Bereitschaft hält. Nun, da wären eventuell neue Kredit- und Investitionsgesetze, dann die Erhöhung des Diskontsatzes auf 6 v. H., Aufhebung der Zollbefreiung und Erhöhung der Einfuhrzölle sowie ein Herbstbudget, das die Regierung jedoch, sofern nur irgend möglich, umgehen wird. Das alles sind aber Schritte, die eine bedingte Abkehr vom Liberalisierungsgedanken bedeuten müssen. Schließlich bleibt dann noch die Neufestsetzung der Sterling-Parität. Wenn Butler auch alle Abwertungsgerüchte scharf dementiert, so darf die Einschränkung: "unter den gegenwärtigen Umständen" nicht überhört werden, zudem die Finanzpolitik nicht allein in Whitehall, sondern im gesamten Sterlingblock gemacht wird, und die anderen Länder des Commonwealth nicht die gleichen Techniken wie England anwenden können.

In britischen Wirtschaftskreisen denkt man nicht – gern an diese letzte Möglichkeit: "Wie es scheint, hat Butler nur uns Engländer davon überzeugt, daß keine Abwertung kommt..." und "es ist schwer gegen die Inflation zu kämpfen, aber schwieriger ist der Kampf gegen die ausländischen Gerüchte der Abwertung..." Eines jedoch hat der Schatzkanzler im In- und Ausland unmißverständlich klargemacht: Mit einer baldigen Konvertierbarkeit des Pfundes kann unter keinen Umständen gerechnet werden.