Weltuntergang, Atomkrieg, Marsüberfälle und eine ins Bizarre verzerrte Zukunft sind Steckenpferde jener Romanautoren, die zuerst an das Publikum und dann an den Stoff denken. Jules Verne war der größte Meilenstein auf der Strecke dieses Unglücks, ihm folgten Legionen, mit handfester, sensationssicherer Journalistik gebaute Abenteuer, die teils auch noch von Seiner Phantasie genährt wurden.

Sei’s drum, auch der Laie hat ein Recht darauf in einer ihm faßlichen Form zu erfahren, welch! Möglichkeiten künftigen Geschehens es gibt, wobei nur die Frage ist, ob weitere Neuerscheinungen auf diesem Gebiet nicht zwangsläufig zu geistigen? Dörrgemüse werden müssen und ob es Ausnahme! gibt, die auch hier eine traurige Regel bestätigen.

"Der Mond fällt auf Europa" von Robert Cedric Sheriff. Magnus-Verlag, 14,80 DM,

wäre fast Anlaß zu neuen Hoffnungen geworden. Schließlich machte es als Hopkins-Manuskript (Originaltitel) viel von sich reden. Welche Fülle logisch dargestellter Situationen, illuminiert durch eine prächtige Beobachtungsgabe, in der Schilderung eines alternden, nicht sehr mutigen Engländers, dem das Wissen um den kommenden Untergang Europas recht verdrießliche Stunden bereitet!

Sheriff, der übrigens Filme wie Odd man out und The four feathers geschrieben hat, weiß gagsicher, was im Parkett landet, also war es ihm nicht schwierig zu wissen, was im gemütlichen Lehnstuhl interessiert. Er nimmt seinen Lesern ein abendliche! Verlangen nach Zerstreuung nicht übel, und man kann ihm zugute halten, daß er mit Ernst an sein! Arbeit gegangen ist, wobei er – eben wegen dieser Ernstes – in kaum beschreiblichem englischem Humor einige Prunkstücke auf das Papier setzte, die anmutig verdutzen: "Ich war heute bei ihr (einer alten Dame, nach dem Untergang Europas) zum Tee. Sie lebt von den Tauben, die tot von der Nelsonsäule auf den Trafalgar Square fallen. Sie brät sie über einem Feuer, das sie auf dem Steinboden der Eintrittshalle entzündet und mit holländischen Meisterstücken unterhält (sie wohnt in der Nationalgalerie). Sie mag die alten Holländer nicht und genießt das Feuer ebenso wie die Tauben."

Etliche Seiten später zeigt er sich, ohne literarisch zu werden, als Zivilisationsskeptiker. Nachdem der Mond in den Atlantik gefallen ist und sich als reich an Schätzen erwiesen hat, erwacht in den überlebenden Politikern der alte Hang, ihre zusammengeschrumpften Wähler durch den Nationalitätsgedanken zum Siege zu führen und sich selbst zu größerer Macht. Dort beginnt das Buch, diskutabel zu werden, dort erklimmt der Autor die Stufen auf der Leiter zur Ausnahme, aber nachdem er seinen Humor so gut verkaufte, kann er nun nicht mehr erschüttern und liefert ein typisches Beispiel dafür, wie bleiern ein utopischer "Tatsachen"-Bericht der gängigen Form verhaftet bleibt, wenn die Sprache auf der Ebene des allzu Allgemeinen fließt und wegen vieler Effekte keine Schwere in sich aufnehmen kann.

Doch das sind Ansprüche, denen Sheriff wohl nur achselzuckend begegnen würde. Es bleibt sein Verdienst, eine Schwäche der Menschen wenigstens summarisch gezeigt zu haben, und wenn er das Thema auf seine Art gestaltete, so darf man ihm angesichts erfreulicher Verkaufsbilanzen nicht mit einem freien Platz in der Literaturgeschichte winken. Ein Orden für Amüsement, mit wenigen Brillanten für die Nachdenklichkeit, ist ihm jedenfalls sicher. i. i.