Der Wirtschaftsbetrieb ist eine Hierarchie. Er ist in verschiedene Abteilungen und Unterabteilungen aufgegliedert: mit Meistern, Abteilungsleitern, Direktoren und dem Generaldirektor an der Spitze. Diese alle stehen in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis, so daß jeder Leiter – bis zum Generaldirektor – einen unmittelbaren Vorgesetzten hat, dem er berichten muß und von dem er Anordnungen erhält. In dieser Hierarchie stellt der Werkmeister oder Vorarbeiter die Nahtstelle zwischen Betriebsleitung und Arbeiterschaft dar. Dies macht seine besondere und so schwierige Stellung aus. Er hat dafür zu sorgen, daß sich die rationale, rein auf Rentabilität ausgerichtete Seite des Betriebes mit der menschlichen Seite, den Gefühlen und Traditionen der Arbeiter ohne Spannungen und große Störungen verbindet.

In dieser Situation gibt es für ihn nur drei Möglichkeiten der Einstellung. Er kann sich entweder ganz auf die Seite der Arbeiter stellen und hauptsächlich deren Belange und Wünsche vertreten; oder er identifiziert sich mit der Leitung und spielt unter Umständen den kleinen Herrgott im Betrieb; oder – im Idealfall – er versucht mit beiden Seiten gut auszukommen. Dann aber beginnt für ihn ein endloser Leidensweg.

Die Psychologie seiner Situation ist immer folgende: Wie jeder andere Mensch möchte er seine Stellung halten oder gar verbessern. Der Mann im Betrieb, der den größten Einfluß darauf hat, ist nach seiner Meinung sein unmittelbarer Vorgesetzter. Dieser berichtet über ihn an die Leitung, ob er seine Funktion gut oder schlecht ausübt. Von diesem also hängt es ab, ob er seine Stellung behält oder nicht, und ob er noch weiter "aufrücken" kann. Ein großer Teil seiner Bemühungen muß sich daher aus der Situation heraus darauf richten, seinen Vorgesetzten günstig für sich zu stimmen. Das kann sogar dahin ausarten, daß dies sein Hauptanliegen wird und sein gesamtes Tun und Denken daraufhin ausgerichtet wird. Alles, was in der Werkstatt geschieht, wird von ihm daraufhin betrachtet, was sein Vorgesetzter dazu sagen würde. Fehler oder Schwierigkeiten werden verschwiegen, damit der "Chef" ja keinen schlechten Eindruck von ihm bekommt. Wenn er es doch berichten muß, so wird die Sachlage so dargestellt, daß er möglichst eine "reine Weste" behält. Ein Arbeiter oder eine andere Abteilung wird als Sündenbock hingestellt. Auf diese Weise kommt es zu Spannungen im Betrieb oder zu Unzufriedenheit unter den Arbeitern. Hinzu kommt noch, daß der Vorgesetzte natürlich selten erfährt, wie es in der Werkstatt oder in der Abteilung wirklich aussieht...

Auf der anderen Seite ist der Werkmeister oder Vorarbeiter – wenn auch in geringerem Maße – von seinen Untergebenen abhängig. Sie können zwar nicht bestimmen, ob er seine Stellung behält oder nicht, sie können ihm aber durch passiven Widerstand alle möglichen Schwierigkeiten in den Weg legen und die Produktionsleistung herabsetzen. Er muß also auch mit ihnen einen Weg zur guten Zusammenarbeit finden, wenn er seine Funktion voll erfüllen will und die Arbeit unter seiner Aufsicht flüssig und ohne Schwierigkeiten ablaufen soll. Er muß sich also ebenfalls an die Wünsche, Gefühle und Bedürfnisse seiner Arbeiter anpassen, die manchmal den Wünschen der Betriebsleitung und seines "Chefs" direkt entgegengesetzt sind.

Der Arbeiter bringt die Hälfte seines wachen Lebens im Betrieb zu. Er erwirbt sich dort Freunde und Feinde, gewöhnt sich an seine Maschine, erlebt dort soziale Anerkennung und entwickelt Vorlieben für besstimmte Arbeiten und Arbeitsplätze. Für ihn ist die Fabrik kein auf reine Wirtschaftlichkeit ausgerichtetes rationales Unternehmen. Seine Gefühle und Traditionen im Betrieb sind von viel größerer Bedeutung für ihn, als die Wünsche der Werksleitung nach Wirtschaftlichkeit. Der Arbeiter fügt sich nur mit größtem Widerwillen einer Änderung des Arbeitsganges, wenn er als Folge davon nicht mit seinem Freunde zusammenarbeiten kann. Alte Arbeitsgruppen, die sich angefreundet haben, werden verbittert, wenn sie Knall und Fall auseinandergerissen werden. Der Arbeiter fühlt sich dann nicht mehr als vollwertiger Mensch anerkannt, sondern nur noch als Nummer, die wehrlos im Betrieb hin und her geschoben wird.

Sein Ärger über diese Beeinträchtigungen richtet sich dann in vielen Fällen gegen den Werkmeister oder Vorarbeiter, der die Anordnungen der Leitung – und die persönlichen Wünsche seines "Chefs" – auf der Ebene des Arbeitsprozesses realisieren soll. Er ist der einzige Vertreter der Leitung, mit dem der Arbeiter in näheren persönlichen Kontakt kommt, und der daher den Mißmut und Widerwillen der Arbeiter ausbaden muß. Es ist Aufgabe des Werkmeisters, die rationalen, auf Wirtschaftlichkeit ausgerichteten Forderungen des Betriebes mit den Wünschen und Gefühlen des Arbeiters auszugleichen. Dies ist eine schwere Aufgabe. Sie verlangt eine Fähigkeit der Menschenführung, wie sie nur wenige Menschen besitzen.

Wie kann man dem Werkmeister in seiner schwierigen Situation helfen? Es gibt nur eine Radikalkur: Betriebsleitung und Gewerkschaft müssen es mit als eine ihrer Hauptaufgaben ansehen, das Betriebsklima im ganzen, die menschlichen Beziehungen im Betrieb also, zu verbessern. Dies ist nicht allein damit getan, daß man unter viel Geldaufwand Kantinen, Duschräume, Aufenthaltsräume und Sportplätze baut. Wenn die menschlichen Beziehungen im Betrieb durch menschliches Versagen gestört sind, so kann die Leitung Millionen für diese Projekte ausgeben, ohne daß damit der Arbeiter freudiger an die Arbeit herangeht. Das haben die bitteren Erfahrungen der Betriebe gezeigt, die allein auf diese Weise das Problem lösen wollten. Alles, was die Leitung für das körperliche Wohlergehen der Arbeiter tut, wird dann als selbstverständlich angesehen, oder wird mißtrauisch als ein Versuch der Leitung betrachtet, auf diese Weise den Arbeiter zu größeren Leistungen zu veranlassen und ihn auszunutzen.