Von Felix Morley

Washington, im Oktober

Je näher das Treffen der Außenminister der großen Vier in Genf heranrückt, desto geringer wird leider die Wahrscheinlichkeit, daß Außenminister Dulles imstande sein werde, einen konstruktiven Beitrag zu leisten. Sollte die Konferenz überhaupt für die deutsche Wiedervereinigung einen Fortschritt bringen, so wird der Anstoß dazu kaum von den Vereinigten Staaten ausgehen.

Es hat. Zeiten gegeben, in denen Amerikas Außenpolitik unter einer Regierung, die sich innenpolitisch festlief – wie etwa in den letzten beiden Jahren der Präsidentschaft Hoovers (1931 bis 1932) – klar umrissen und stark gewesen ist. Umgekehrt war sie oft schwankend, wenn der Präsident die Zügel zu Hause sicher in der Hand hielt, wie etwa Truman in den ersten Jahren nach dem Kriege. Heute aber ist die Entwicklung in Amerika sowohl innen- wie außenpolitisch überaus ungewiß. Am Vorabend von Genf gleicht diese große Nation einem stolpernden Riesen, dem plötzlich beide Arme zugleich gefesselt wurden.

Diese tragische Situation ist die Folge der schweren Erkrankung Präsident Eisenhowers, die in jeder Hinsicht zu einer höchst unglücklichen Zeit kam. Außenpolitisch hatte Eisenhower bei der Zusammenkunft der Staatsoberhäupter im Juli den Kurs Amerikas klar auf eine "friedliche Koexistenz" mit Sowjetrußland gesetzt. Ein Teil seiner eigenen Partei, darunter Außenminister Dulles und der republikanische Fraktionsführer im Senat. Knowland, steht jedoch dem "Geist von Genf" skeptisch gegenüber. Einige Republikaner des rechten Flügels sind in Privatge prächen sogar so weit gegangen, dem Präsidenten vorzuwerfen, er bereite ein zweites München vor.

Es kann jedoch kein Zweifel bestehen, daß die freundlichere Haltung gegenüber Rußland im ganzen Lande populär ist. Dadurch schien übrigens zur Gewißheit zu werden, was schon vorher wahrscheinlich war: daß Eisenhower 1956 mit überwältigender Majorität wiedergewählt und in der Folge auch dem Unterhaus und dem Senat eine republikanische Mehrheit sichern würde.

Dann kam am 24. September wie ein Blitz aus heiterem Himmel seine plötzliche Erkrankung, die alle politischen Erwartungen über den Haufen warf. Selbst wenn der Präsident sich mit Gottes Hilfe erholen sollte, kandidieren können wird er im nächsten Jahr keinesfalls. Dazu ist Roosevelts Tod, so kurz nach seiner Wiederwahl 1944, noch zu frisch in Erinnerung. Würde Eisenhower nominiert, so würde das Volk bei der Wahl nicht an ihn denken, sondern für oder gegen den Kandidaten für die Vizepräsidentschaft stimmen. Daher diskutiert die republikanische Parteiführung insgeheim schon jetzt andere mögliche Kandidaten, darunter sogar den Bruder des Präsidenten, Milton Eisenhower; und darin sehen die Demokraten mit Genugtuung ein Zeichen, wie wenig hoffnungsvoll die Lage der Republikaner ist.