Zwei Bücher erschienen in diesem Jahr, die der wahren Darstellung des Rußlandkrieges am nächsten kommen: Ledigs "Stalinorgel" und Heinrichs "Geduldiges Fleisch". Ledig gelang es, 48 Stunden Stellungskampf im Blitzlicht eines hämmernden Stakkatos einzufangen; Heinrich versuchte, in epischer Form den Rückzug eines Regiments zu umreißen. Beide Bände geben trotz mancher Bedenken einen Maßstab, um Literatur über den Feldzug in Rußland zu beurteilen. – Mit Heinrichs Roman verglichen erscheint nun

Werner Walz: Die tödlichen Tage. G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Hamm, 283 S.

als ein schwaches Werk. Auch Walz will weit ausholend Front und Heimat nicht voneinander lösen. Doch im Gegensatz zu Heinrich beschränkt er sich nicht auf Rückblendungen, sondern bewahrt nach Filmmanier bei getrennten Schauplätzen die zeitliche Einheit. Das sieht dann etwa so aus, daß zu der Stunde, als Unteroffizier Masold seinen Eltern eine ruhige Nacht wünscht, daheim die Sirene heult. Der plumpen Koinzidenzen sind noch mehr, doch im schlimmsten ist der mit billigen Phrasen durchsetzte Stil, in dem dieser sicher wohlgemeinte Roman vorgetragen wird. "Das Wahre verschmilzt mit der Wirklichkeit im Feuer", heißt es da, und: "die ewige Unruhe, die Seele der deutschen Wehrmacht" oder zu Beginn einer Interpretation von "in wodka veritas" ungemein verblüffend: "Der Wodka ist ein geistiges Getränk."

Aus dem Wunsch, nicht nur ein umfassendes Bild des Krieges, sondern auch der Naziherrschaft zu geben, bekommt es Walz fertig, die ganze Phalanx ertragreicher Typen in seinem Bändchen aufmarschieren zu lassen: den von Euthanasie bedrohten jungen Mann; seine Mutter, die die Frauenschaft auffordert, aus der Kirche auszutreten; die Zeugen Jehovas, die sich im düsteren Schusterkeller zum Gebet versammeln; den Infernogedichte produzierenden Ministerialbeamten, der sich freiwillig an die Front meldet und so weiter... Walz hat ein seltenes Geschick, wo nur immer möglich, den falschen Ton zu treffen. Das Ende seiner Helden ist daher kaum genießbar. – Ein Kriegsbuch dagegen, dessen epische Durchführung alles in allem gemeistert wurde, ist:

Josef Martin Bauer: So weit die Füße tragen. Ehrenwirth Verlag, München, 449 S., 15,80 DM.

Bauer schrieb das Buch, das von Gefangenschaft und Flucht eines Rußlandkämpfers handelt, nach den Tonbandaufnahmen, die er von dem Bericht eines Heimkehrers anfertigte. Dieser Umstand mag den nachhaltigen Eindruck du Werkes erklären, da sich dichterische Sensibilität wohl nur in sehr seltenen Fällen mit einer derart robusten Konstitution paart, wie sie das lebende Vorbild von Bauers Clemens Forell besitzen muß. Forell wird 1945 zu 25 Jahren Zwangsarbeit in einem Bleiwerk am Ostkap verurteilt. 1949 bricht er aus und langt nach drei Jahren Flucht zu Hause an,

Am besten traf Bauer die Szenen in den Kavernen, den höllischen Herbergen der Gefangenen, die sie nur ein, zwei Stunden in der Woche verlassen dürfen, gerade solange, um sich ihres Menschseins zu erinnern und nicht ihres Wertes als gutes oder schlechtes Kommando. Bauer kommt mit ein paar Bildern von erbarmungsloser Härte aus, um die satanische Perfidie von Kap Deschnew zu zeigen. So das Spießrutenlaufen, zu dem Forell von seinen eigenen Kameraden getrieben wird, nachdem sein erster Fluchtversuch mißlang und die Gefangenen bis zu seiner Ergreifung fast nichts zu essen bekamen.

Während in der Schilderung der Lagerjahre das Erleben Tausender wahrhaft verdichtet wurde, ist die Flucht Forells bloßes Einzelschicksal. In diesem zweiten Teil macht sich auch Bauers Schwäche für sentimentale Romantik bemerkbar, wenn er zum Beispiel seinen entsprungenen Woenna Plenni und dessen Hund "Willem" in paradiesischer Eintracht durch Tundra und Taiga trotten läßt. Streckenweise muten die Abenteuer Forells, der sich mit Jakuten, Landstreichern und dem MWD herumschlägt, zudem reichlich "romanhaft" an. Vor allem kommt der Schluß zu abrupt. Plötzlich taucht Forells türkischer Onkel auf, der ihn aus einem persischen Kerker holen soll. Doch abgesehen von diesen Fehlern überrascht das Buch durch seinen lauteren Ernst und seine stilistische Sauberkeit. Der lange Atem der Erzählung wird bis zum Ende durchgehalten. Man kann Bauers Kriegsgefangenenroman getrost neben die Bände von Ledig und Heinrich stellen. Günther Specovius