In den letzten Jahren Ist die Kursgestaltung auf den westdeutschen Aktienmärkten wesentlich durch Anlage- und Spekulationskäufe ausländischer Interessenten bestimmt worden. Von dieser Seite wurde – mit gelegentlichen Unterbrechungen – ständig Material aus dem Markt genommen, und dadurch sind die Kurse wesentlich nach oben gedrückt worden. Alle am Effektengeschäft beteiligten Kreise waren sich über das Risiko klar, das hierdurch für das westdeutsche Kursniveau zwangsläufig entstand und daß massierte Abgaben der Auslandskundschaft empfindliche Reaktionen auslösen mußten. Mit der Festigung des Kapitalmarktes vom Inland her hat dieses Risiko zwar abgenommen, daß es nicht ganz verschwunden ist, hat die vergangene Woche eindeutig demonstriert. Als Folge der politischen Unsicherheit, die durch die Erkrankung Eisenhowers entstanden ist und die in New York zu sensationellen Kursstürzen geführt hat, kam es auch an den westdeuschen Wertpapierbörsen zu massierten Auslandsverkäufen, wodurch Verluste ausgelöst wurden, via wir sie seit Jahren nicht mehr zu verzeichnen hatten.

Dieser zweite Stoß traf die deutschen Aktienmärkte zu einem Zeitpunkt, an dem sowohl die Banken als auch die Kundschaft die Folgen der restriktiven Politik der BdL zu überwinden hatten. Von beiden Seiten war also keine Aufnahmebereitschaft zu erwarten, wenn man von den Zwischenkäufen der Kulisse einmal absieht. Gegen Wochenende wurde die Zurückhaltung der Käuferseite so groß, daß oft wenige tausend D-Mark genügten. um die Kurse um 3 bis 4 Punkte nach unten zu drücken. Diese Tatsache hat ein beachtliches Maß an Nervosität ausgelöst.

Die BdL hat ohne Zweifel erreicht, daß spekulativ beeinflußte Kurse weitgehend abgebaut worden sind. Als unerwünschte Nebenwirkung ist der Rentenmarkt ins Rutschen geraten. Weitere Anleihepläne müssen zunächst auf Eis gelegt werden. Ob das gleiche auch für Aktienneuemissionen gilt, muß abgewartet werden. Die demnächst zu erwartende Zeichnung junger AEG-Aktien wird zeigen, inwieweit der Markt aufnahmefähig ist. Der angespannte Geldmarkt zwingt bei den festverzinslichen Papieren vorerst noch zu Realisationen. Dank aktiver Kurspflege konnten die Pfandbrief- und Anleihekurse überwiegend gehalten werden. Anders liegt der Fall bei den Industrieobligationen, namentlich bei solchen, die aus der Investitionshilfe stammen. Diese Papiere sind bei der Ausgabe größtenteils in Hände gelangt, die sie als "betriebsfremd" empfinden mußten. Die 7 1/2prozentigen Investitionsanleihen sind nunmehr mehrere Punkte unter pari erhältlich.

Zu Beginn der neuen Woche kam es zu einem erneuten schaffen Kursrückgang, von dem in erster Linie wieder diejenigen Aktien betroffen waren, in denen seit Jahren die internationale Spekulation "zu Hause" war. So mußten insbesondere die beiden Elektrowerte AEG (– 30 Punkte) und Siemens (– 20 Punkte) größere Einbußen hinnehmen. In der gleichen Größenordnung etwa bewegen sich die Verluste bei den IG-Farben-Nachfolgern. Von den Montanen waren meist nur die marktgängigen Werte gedrückt, während die Spitzenpapiere, die ihre Stellung den Mehrheitskäufen im Zusammenhang mit den Rekonzentrationsbemühungen der Konzerne verdanken, nur wenig verändert waren. Am Bankenmarkt wurden augenscheinlich spekulative Engagements abgebaut.

Eine Übersicht über die Kursbewegungen in den ersten neun Monaten dieses Jahres zeigt, daß trotz des jetzt eingetretenen Rückschlages die meisten Papiere noch beträchtlich höher notieren als zum Jahresbeginn. Wo der Kurs heute tiefer liegt, ist er auf einen Bezugsrechtsabschlag zurückzuführen und stellt somit keinen echten Rückschlag dar. Anders liegt die Situation bei den marktgängigen Montanwerten.

Besonders unter Druck lagen in den vergangenen Tagen die Elektroversorgungswerte. Offensichtlich machte man sich Gedanken darüber, ob die angekündigten Strompreissenkungen einen Einfluß auf die Rentabilität und damit auch auf die Dividenden haben könnten. Nach Lage der Dinge sollte es den Werken möglich sein, Gewinne zu erwirtschaften, die eine angemessene Verzinsung des Kapitals gewährleisten. Recht sorgenvoll sehen übrigens die Werften In die Zukunft, bei denen Lohnerhöhungen und steigende Materialkosten ziemlich zu Buch geschlagen haben. -ndt