Wiederholt hat sich in den vergangenen Jahren der Verband der deutschen Schulgeographen gegen die Benachteiligung des Geographieunterrichts in den Lehrplänen gewandt. "Um die Länder und Völker besser kennenzulernen und die heranwachsende Jugend zu befähigen, später als Staatsbürger am öffentlichen Leben verantwortlich mitzuwirken", so heißt es in einer Entschließung, die der Verband auf der letzten Jahresversammlung faßte, "ist uns geographische Bildung mehr not denn je." Professor Hinrichs, der Vorsitzende der Landesgruppe Hamburg im Verband deutscher Schulgeographen, kritisierte kürzlich scharf die Schulverwaltungen aller Länder der Bundesrepublik, die in den letzten Jahren durch Herabsetzung der Stundenzahl, insbesondere aber durch die Streichung der Erdkunde in der Klasse 13 der höheren Schulen, eine Tendenz offenbart hätten, die die Erdkunde in eine Randstellung drängt. "Es ist schwer zu verstehen", so erklärte Professor Hinrichs, "daß in einer Stadt wie Hamburg, die sich als Welthafen und Handelsstadt mit Stolz Deutschlands Tor zur Welt nennt, Erdkunde in der Abschlußklasse der sogenannten wissenschaftlichen Oberschule nicht mehr unterrichtet und daher im Abitur nicht mehr geprüft wird. Ein Fach, in dem sie nicht geprüft werden, nehmen die Schüler natürlich auch schon vorher nicht ernst, obgleich sie durchaus den Wunsch haben, in der Gegenwart und in der Wirklichkeit des Lebens dieser Welt sich auszukennen." Aber nicht nur von Fachpädagogen, sondern auch von Politikern und Wirtschaftlern wird immer häufiger Kritik an den mangelhaften erdkundlichen Kenntnissen des Nachwuchses laut.

Um die nachteiligen Folgen des eingeschränkten Erdkundeunterrichts zu korrigieren, hat der Verband deutscher Schulgeographen seine Mindestforderungen formuliert: In allen allgemeinbildenden Schulen und Wirtschaftsschulen sollen wöchentlich mindestens zwei Stunden Erdkunde unterrichtet werden. Die Erdkunde soll in der Reifeprüfung allen anderen Fächern gleichgestellt sein. Die Lehrpläne der Bundesländer sollen hinsichtlich Stundentafeln und Stoffverteilung aufeinander abgestimmt werden, um den Schulwechsel eines Kindes nicht zu erschweren. Sorgfältig vorbereitete Lehrwanderungen und Wanderfahrten sind ein echter Bestandteil des geographischen Unterrichts, es ist dabei durchaus nicht nötig, daß sie immer gleich ins Ausland führen.

Das sind zweifellos vernünftige und angemessene Vorschläge. Man sollte sie bei den Schul Verwaltungen nicht länger in der untersten Schublade liegen lassen. Der eingeschränkte Geographieunterricht, wie er heute an den Schulen geübt wird, genügt nicht den Anforderungen, die später das Leben an viele stellt. Geographische Kenntnisse sind für viele Gebiete des Lebens bedeutsam.

"Ohne eine ausreichend geographisch untermauerte Auslandskunde", so heißt es in einer Denkschrift, "wird die deutsche Bevölkerung es schwer haben, sich so in die zwischenstaatlichen Beziehungen einzuschalten, wie es seiner Lage, seinen Bedürfnissen, seinem Wohle und seinen Aufgaben entspricht. Völkerverständnis setzt Völkerkenntnis, Welthandel setzt Länderkenntnis voraus, und das friedliche Zusammenarbeiten der Völker ist von einer gründlichen Kenntnis der Völker, ihrer Kultur und ihres Landes abhängig."Erdkunde ist eine jener Wissenschaften, die mit ihren sich ergänzenden Zweigen der Natur- und Kulturgeographie sowohl den Naturwissenschaften als auch den Kulturwissenschaften angehört. Ihre Probleme reichen von der Geologie bis zur geophysikalisch bedingten Wirtschaftsstruktur und Marktsituation, von Fragen der zweckmäßigen Küstenbefestigung bis zur Siedlungs- und Städtetypenforschung. Sie ist eine Klammer zwischen Natur- und Geisteswelt. Ein fundiertes geographischem Weltbild ist Voraussetzung für das Verständnis zahlreicher politischer, geschichtlicher, sozialer und wirtschaftlicher Entwicklungen. Gerade durch die wachsenden internationalen Verflechtungen und gemeinsames Schicksal sind natur- und kulturgeographische Aspekte immer bedeutsamer.

Leo Nitschmann