Von Carl Georg Heise

und sagte schlicht und treuherzig, ich sei nicht wie die andern, ich verstünde Dinge, zu denen andere Menschen unfähig wären, und sei anderen nützlich... Es war die Sprache des Wilden oder des Kindes, denn man muß eines von beiden sein, nicht wahr, um glauben zu können, daß ein Künstler – ein nützlicher Mensch sei."

Paul Gauguin, "Noa-Noa"

Hier müßte die Schule stehen", sagte Romano Guardini bei einem Spaziergang in der Umgebung von Ulm, auf den Wiesenhängen des oberen Kuhberges mit weitem Blick auf das Donautal. Und nun steht sie da, breit hingelagert, eindrucksvoll vor allem durch die organische Gliederung, durch die Übereinstimmung der inneren Bedürfnisse mit der äußeren Form, die sich schon von weit her zu einer überzeugenden Einheit verbinden. Walter Gropius, der Begründer des Weimarer Bauhauses, der ihm dann in Dessau den vorbildlichen architektonischen Rahmen geschaffen hat, ist aus den USA gekommen, um die Eröffnungsrede zu halten, ein verpflichtender Pate, und spricht von "der Notwendigkeit des Künstlers in der demokratischen Gesellschaft". Er verwahrt sich gegen den ihm und seinen Bauhäuslern angedichteten Rationalismus, wendet sich gegen die Hypertrophie von Logik und Wissenschaft und bezeichnet den Künstler als den Prototyp des universalen Menschen, der in unserer Zeit "der vollendeten Werkzeuge und der verworrenen Zielsetzungen" (Einstein) der moralischen Initiative erneut den Vorrang zu sichern habe. Das Ziel: die Vermenschlichung der Maschine. Der greise Henry van de Velde, der älteste lebende Pionier der modernen Baukunst, 92jährig, immer noch lebhaft anteilnehmend an dem, was von seinem Erbe sich fruchtbar weiterentwickelt, sagt vom Programm der neuen Gründung: "Es schließt aus, was überholt ist, erweitert das frühere, bereitet sich vor, neue Etappen zu erreichen und verschiebt die Grenzen, die weder Gropius noch ich überschreiten konnten." Man fühlt: was hier zu leben und zu wirken beginnt, das wird getragen von der Elite des europäischen Geistes. (Daß kein hoher staatlicher Würdenträger erschienen war, wurde schmerzlich vermerkt.)

Vor einem Parkett geistiger Prominenz steht die Frau, der dies alles in erster Linie zu danken ist: Inge Aicher-Scholl, Tochter eines ehemaligen Ulmer Oberbürgermeisters, Überlebende jener Geschwister, die als Studenten der Münchener Universität zur Hitlerzeit im Kampf um die Freiheit ihr Leben gelassen haben. Ohne daß mit ihren Worten daran gerührt wird, ist der Geist der Märtyrer gegenwärtig, der Geist der Selbstverantwortlichkeit des eigenen Gewissens. Das allein genügt, um die Stadt Ulm als Sitz der neuen Hochschule zu legitimieren. Ihre Freunde nennen Inge Scholl "die sanfte Gewalt", und in der Tat, kein Verstand der Verständigen hätte gegen eine Welt der Bürokratie, des reaktionären Mißtrauens und, was noch schlimmer ist, der politischen Intrigen in fünf Jahren die Millionen aufgebracht, die zur Realisierung ihres Planes notwendig waren, den qualifizierten internationalen Mitarbeiterstab in die schwäbische Provinzstadt zu zwingen und ihrem Unternehmen schon am Eröffnungstage den Respekt der Welt abzugewinnen. Gewiß, sie hat mächtige Helfer gehabt, und warmherzig spricht sie ihnen den Dank aus: dem ehemaligen amerikanischen Hochkommissar McCloy, aus dessen nach ihm benannten Kulturfonds die erste Hälfte der Bausumme stammt, der Bundesregierung, der Landesregierung, der Stadtverwaltung, die die Betriebskosten für die ersten drei Jahre garantieren mußten, den vielen, vielen Geldgebern aus Wirtschaft und Industrie, nicht zuletzt auch dem Kreis der Gleichgesinnten, aus dem sie den vielseitig begabten Schweizer Max Bill, Architekt, Bildhauer, Maler, Formgestalter in einer Person, zum ersten Rektor bestellt hat, und dem auch ihr bescheiden zurücktretender Gatte Otl Aicher angehört, ein ideenreicher Gebrauchsgraphiker, in dem man wohl nicht zu Unrecht den ersten Anreger vermuten darf.

Um was handelt es sich? Aus der Arbeit der Ulmer Volkshochschule ist der Gedanke erwachsen, schöpferischer Formgestaltung als einem der entscheidenden Elemente der Volkserziehung eine weithin wirkende Stätte zu bereiten. Das Baulaus war Vorbild, doch kann im einzelnen von restaurativen Tendenzen nicht die Rede sein, schon deswegen nicht, weil das Lehrprogramm von einer jungen Generation, die mit der Maschine tufgewachsen ist und sie bejaht, ganz neu erarbeitet worden ist. Kein trockener Lehrbetrieb, sondern praktische Erprobung in den Werkstätten, Gemeinschaftsarbeit, Architektur und Gebrauchsgerät zu präzis-typisierter Zweckmäßigkeit entwickelt und vor allem keine Pflege eines vorgeprägten Stils, sondern niemals erlahmender Mut zum Experiment auf Grund der sich ständig verändernden Erkenntnisse der Gegenwart, auch dann, wenn zunächst nicht immer gleich der Nutzen für den praktischen Gebrauch sichtbar wird. Größter Wert wird gelegt auf die Verbindung von Allgemeinbildung und Fachausbildung, so daß eine eigene Lehrabteilung für "kulturelle Integration" eingerichtet ist, das heißt, Kurse abgehalten werden sollen über Zeitgeschichte, Philosophie (Dozent: Max Bense), Psychologie, Soziologie, politische Wissenschaften und andere. Auch vom "richtigen Gebrauch der Sprache als kommunikatives Werkzeug" ist im Programm die Rede. Menschenführung, Ausbildung der Persönlichkeit im höchsten und weitesten Sinne. Der andere Pol ist der Aufgabenkreis der Formgebung bei Industrieprodukten, der Weg also von der Theorie unmittelbar in die Praxis, der früher in der Öffentlichkeit wenig diskutiert wurde, und der schon heute erfolgreich und nachdrücklich beschritten wird.

Die Schule nämlich, die jetzt offiziell eröffnet worden ist, arbeitet schon etwa zwei Jahre in improvisierten Werkstätten, und über die ersten Ergebnisse berichtet eine sehr instruktive Ausstellung von Lehrer- und Schülerarbeiten. Es handelt sich dabei im wesentlichen um das, was in den Anfangskursen ("Grundlehre" genannt), die jeder Studierende durchlaufen muß, ehe er sich für die weitere Ausbildung in einer bestimmten Fachabteilung entscheidet, gemeinsam erarbeitet worden ist, um das Durchexerzieren der gestalterischen Möglichkeiten der verschiedenen Materialien. Das macht vielfach für den Laienbetrachter den Eindruck verzwickter mathematischer Rechenkünste, Bei höchstem Gelingen aber entwickelt sich das, was als "Schönheit der Technik" so viel gefordert, aber bisher so selten erreicht worden ist. Joseph Albers, der alte Bauhäusler, heute in USA tätig, hat Ga;tkurse gegeben. Daneben aber kann die Schule auch schon auf Fertigfabrikate verweisen, die von Lehrern und Studierenden gemeinsam entwickelt und von der Industrie übernommen worden sind; im nur zwei Beispiele zu nennen: die neuen Modelle für Radio- und Plattenspielergehäuse (Firma Max Braun), die aufräumen mit dem herkömmlichen Ungeschmack auf diesem Gebiet, und auf die Federflachen für Schaumgummimatratzen, die in ihrer Schlichtheit und Zweckmäßigkeit bahnbrechend wirken werden. Die überzeugendste Gemeinschaftsarbeit aber ist der Bau selbst, an dem die Schüler praktisch mit Hand angelegt haben und bei dem viele neue Methoden, auch beim Innenausbau, sich ergeben haben (konsequente Verwendung von Sichtbeton, einfache Holzfenster mit Leichtmetallschienen und verzinkten Dachanschlüssen, Beleuchtungsanlagen mit Leuchtstoffröhren und so weiter).