Über die Zahlungsmoral in der Wirtschaft ist mehr Schlechtes als Gutes zu hören. Die Klagen erstrecken sich nicht nur auf Zahlungsausfälle, sondern auch auf verlängerte Zahlungsfristen. Eine bemerkenswerte Untersuchung des Niedersächsischen Amtes für Landesplanung und Statistik bestätigt, daß die Zahl der Wechsel- und Scheckproteste – beinahe stetig – seit 1949 zugenommen und 1954 mit 51 243 Wechselprotesten und 123 304 Scheckprotesten einen Höhepunkt erreicht hat. Obwohl die Wechselproteste von Privaten durch Notare und Gerichtsvollzieher nicht einmal erfaßt sind, wurden in den vergangenen sechs Jahren in Niedersachsen Wechsel im Betrage von 149 Mill. DM und Schecks in der Gesamtsumme von 204,4 Mill. DM protestiert. Die Zahl der Wechselproteste im Bundesgebiet hat einen ähnlichen Verlauf genommen und lag 1954 bei 549 177 Stück mit insgesamt 310,4 Mill. DM.

Klagen darüber, daß bei Insolvenzen die Gläubigerverluste einmal zu groß sind, zum zweiten auch noch eine ansteigende Tendenz zeigten, würden nur zu gut in dieses allgemeine Bild passen. Hier bringt nun die statistische Durchleuchtung der Zahlungsschwierigkeiten in Niedersachsen eine Überraschung: Bei den Vergleichsverfahren lag nämlich die Quote der Gläubigerabfindung in den Jahren von 1950 bis 1954 ziemlich konstant bei knapp 47 v. H. Wenn berücksichtigt wird, daß die gesetzliche Mindestquote 35 bzw. 40 v. H. beträgt, so wird man diese in den sechs Jahren durchschnittlich verteilte Quote nicht als zu gering bezeichnen können.

Nun sind die Vergleichsverfahren nur ein Teil – und zwar der kleinere Teil – der Insolvenzen. In der Zeit von 1949 bis 1954 wurden in Niedersachsen 1513 Vergleichsverfahren und 3545 Konkursverfahren (einschl. der mangels Masse abgelehnten) eröffnet. Der Anteil der Konkurse an den Insolvenzen beträgt also gut 70 v. H. Bei einer Betrachtung der durchschnittlichen Verluste je Konkurs zeigt sich seit 1951 eine ansteigende Entwicklung, und zwar von 58 406 DM (1951) auf 64 667 DM (1952), 104 257 DM (1953) und 171 231 DM (1954). Die voraussichtliche Deckungsquote bei den nicht bevorrechtigten Gläubigern ist erschreckend niedrig. Diese Forderungen sind im Durchschnitt der letzten sechs Jahre nur zu rund einem Zehntel befriedigt worden. Hierbei sind natürlich die wegen fehlender Masse abgelehnten Konkurse gar nicht berücksichtigt.

Immerhin ist es beachtenswert, daß auch hier die Quoten der einzelnen Jahre relativ konstant geblieben sind. Ähnlich verhält es sich mit den Quoten für die bevorrechtigten Forderungen (im wesentlichen: Löhne und u. a. öffentliche Abgaben). Diese Gläubiger mußten im Durchschnitt nicht auf Neunzehntel ihrer Forderungen verzichten, sondern nur auf rund die Hälfte. Würde man alle Forderungen bei den Konkursen zusammenfassen, also die bevorrechtigten und die nicht bevorrechtigten, ergäbe sich eine Deckungsquote von 15,5 v. H. Der Anteil der bevorrechtigten Forderungen an den gesamten Forderungen der Konkurse mit Masse ist auf Grund dieser Untersuchung nicht so hoch wie vielfach angenommen wird. Er betrug im Durchschnitt der sechs Jahre knapp 15 v. H. und zeigt vor allem keine steigende Tendenz. Innerhalb der Wirtschaftsgruppen fällt die ungewöhnlich niedrige Quote bei Konkursen im Großhandel auf. Hier wurden im Durchschnitt der sechs Jahre den nicht bevorrechtigten Gläubigern nur 5,4 v. H. ihrer Forderungen gezahlt (gegenüber z. B. 12,4 v. H. bei den Konkursen im Einzelhandel).

Bei einer Gesamtbetrachtung der Insolvenzen zeigt sich, daß der Höhepunkt der Zahlungseinstellungen bei den industriellen Unternehmen bereits im Jahre 1949 lag. Das folgende Jahr brachte dann im Großhandel die höchste Insolvenzzahl. Wieder ein Jahr später, also 1951, waren es der Einzelhandel und das Handwerk. Die Auslese setzte demnach bei der Industrie recht unmittelbar nach der Währungsreform ein, während die übrigen Wirtschaftsgruppen erst später in die entscheidende Phase des Wettbewerbs gestellt wurden. Daß von den untersuchten Insolvenzen der Erwerbsunternehmen im Durchschnitt der sechs Jahre 61,5 v. H. auf solche Unternehmen entfielen, die e-st nach 1945 neu tätig geworden sind, kann nicht verwundern. Ein großer Teil der von 1945 bis 1948 gegründeten Unternehmen war unter den veränderten wirtschaftlichen Bedingungen nach der Währungsreform nicht mehr lebensfähig. Zum andern hatten die nach 1948 neugegründeten oder verlagerten Unternehmen natürlich häufig eine schwächere Ausgangsstellung.

Bemerkenswert ist, daß das Textil- und Bekleidungsgewerbe nicht nur innerhalb des Einzelhandels – abgesehen von 1949 – die jeweils größte Zahl von Insolvenzen in dieser Gruppe gestellt hat, auch innerhalb der Industrie, des Handwerks und des Großhandels ist das Textil- und Bekleidungsgewerbe wesentlich an den Zahlungseinstellungen beteiligt. Eine höhere Zahl wurde nur noch im Nahrungs- und Genußmittelgewerbe festgestellt.

Die zum erstenmal für einen längeren Zeitraum im Bundesgebiet durchgeführte Untersuchung des statistischen Amts für Niedersachsen gibt nun noch einen anderen Hinweis: An den Insolvenzen haben nämlich Firmen mit der Rechtsform einer GmbH einen hohen Anteil. Obwohl in Niedersachsen durchschnittlich nur 2500 Unternehmungen in dieser Rechtsform tätig waren, ereigneten sich in den sechs Jahren 605 Insolvenzen von GmbH-Firmen. Eine Gegenüberstellung der Konkurse und Vergleichsverfahren offenbart, daß der Anteil der eingetragenen Personenunternehmen (also Einzelfirmen, OHG und KG) an den Vergleichsverfahren jeweils höher ist als der Anteil dieser Unternehmungsformen an den Konkursen. Bei den nicht eingetragenen Erwerbsunternehmen und den GmbH bietet sich nun ein gegenteiliges Bild. Hier ist jeweils der Anteil an den Konkursen höher als derjenige an den Vergleichsverfahren. Auffallend ist auch eine geringe Deckungsquote bei den Konkursen von GmbH-Firmen. Man könnte also meinen, daß die Rechtsform der GmbH in manchem Insolvenzfall dazu geführt hat, den Antrag auf Zahlungseinstellung nicht frühzeitig genug zu stellen.

Die aufschlußreiche Untersuchung hinterläßt als Gesamteindruck, daß die Insolvenzen im großen und ganzen keinen Anlaß zu Besorgnis geben. Wohl aber verdient manche erkennbare Tendenz ernsthafte Beachtung. –td