Irmgard Woldering wurde von der Stadt Hannover zur Direktorin des Kestner-Museums gewählt. Unter 23 Bewerbern entschied sich der Rat für die einzige Frau. Als sie Kunstgeschichte für ihre ersten acht Studiensemester wählte, Standbeins für sie fest: niemals „mumifiziert“ werden in einer Museumsstellung! Trotzdem ist Irmgard Woldering seit fünf Jahren im Kestner-Museum tätig, zuletzt als Leiterin der ägyptischen Abteilung. Nun wurde sie die Nachfolgerin Alfred Hentzens, der die Hamburger Kunsthalle übernahm.

Als aus dem „Fräulein Doktor“ die „Frau Direktor“ geworden war, verfiel der Hausinspektor, wenn er offiziell wurde, mit seiner Anrede in die dritte Person. Die Frau als Chef – das ist ein männliches Dilemma – zumal wenn es sich um eine so junge, 36jährige Frau Direktor handelt. Die Gewandten unter den Herren der Schöpfung machten höfliche Miene zum neuen Gleichberechrigungsartikel des Grundgesetzes: „Wir haben uns ganz besonders gefreut, daß es eine Frau geworden ist“ – so lauten ziemlich übereinstimmend die noch frischen Gratulationsbriefe. Aber auf dem Adressenumschlag tastet die Unsicherheit nach einer amtlichen Form für die gleichberechtigte Frau. Die Versuche pendeln zwischen „Fräulein Direktor“ und „Frau Direktorin“. Und die Frauen? Die älteren, die noch kämpfen mußten um ihr Recht, sind ehrlich stolz. Für ihre eigene Generation aber sagt Irmgard Woldering: „Suffragetten-Ideen gibt es heute nicht mehr. Als Ägyptologin war ich auf wissenschaftlichen Kongressen ohnedies meistens die einzige. Um Anerkennung habe ich nie zu ringen brauchen.“

Ägyptologin – ist denn das nicht doch „Mumifizierung“ in wissenschaftlicher Person? Frau Woldering antwortet: „Wenn man das Leben liebt und die Mannigfaltigkeit seiner Ausdrucksformen und man fragt nach dem Sinn, dann ist es die Kunst, die den Kern, das verdichtete Leben spiegelt.“ So stand am Anfang des Weges, der an eine Museumsspitze führte, ganz selbstverständlich das Studium der Kunstgeschichte. Aber deren „Faltenwurfdramatik“ ließ der jungen Studentin zu wenig Raum für originale Erkenntnis. Sie sattelte also um, hörte Vorlesungen über China und Japan und landete bei Ägypten. Das zeitlos Gültige, das Überpersönliche und Typische antwortete dort auf die Frage nach dem Absoluten, nach dem Menschenbild in Zeit und Ewigkeit. Es war also eine religiös – philosophische Fragestellung, die Frau Woldering zur Ägyptologin werden ließ. Auf dieser Basis steht auch sie heute als Museumsdirektorin. Ihr Vorgänger Alfred Hentzen schrieb 1952 in seinem Führer durch das Kestner-Museum: „Dem Betrachter sollte deutlich werden, daß in allen Völkern und Kulturen die Kunst aus der Religion wächst.“ Inzwischen hat Frau Woldering längst erfahren, daß das Allgemeine auch im Besonderen, daß das Absolute in der künstlerischen Individuation erkennbar ist. Fachmann – oder Fachfrau? – die sie ist und bleiben muß, versteht sie ihr öffentliches Amt dennoch als Auftrag, „in einer Zeit des Spezialistentums und der Betriebsamkeit den Menschen saubere, reale Werte zu vermitteln, die dem einzelnen ganz persönlich etwas zu sagen haben“.

Das ist ein gutes Berufsethos. Aber im Museum? Ist nicht das Wort im Deutschen schon zum Begriff geworden für eine Ansammlung von Gegenständen aus toter Zeit? Irmgard Woldering protestiert: „Nein, es ist an uns, sie lebendig zu erfühlen. Zu ihrer Zeit hatten sie ja eine lebendige Aussage. Was aber einmal menschlich gültig war, das bleibt es, wie der Mensch durch Wandlungen sich gleich bleibt. Wir Museumsleute müssen nur Mittel und Wege finden, um die Menschen unserer Zeit zum Nachfühlen zu führen, müssen ihnen den ewigen Nachklang des Lebens in fremden wie in vertrauten Formen aufschließen.“

In Alfred Hentzen hatte Frau Woldering einen Vorläufer, der gleichen Sinnes war. Er baute das Kestner-Museum in Hannover um, damit der Besucher schon räumlich „geführt“ werden konnte und den Eindruck einer „Schatzkammer“ empfing. Sie enthält ägyptische, etruskische, griechische und mittelalterliche Kunst, Inkunabeln des Buchdrucks, Handschriften, Autographien, eine Münzsammlung und Gebrauchsgegenstände: Möbel, Gläser, Geschirr aus verschiedenen Zeiten. In vernünftiger Aufgabenteilung gab Hentzen die hannoversche Bildersammlung, die „Städtische Galerie“, an das niedersächsische Landesmuseum ab im Austausch gegen Stücke, die in das „Kulturmuseum“ gehören. Schon Hentzens Sorge war die überlegte und auswählende „Vermittlung“. Den Rest des Materials barg in einer Studiensammlung für den Fachmann und als Reservoir für wechselnde Ausstellungen.

Gibt es da für eine Frau noch etwas Besonderes, etwas Weibliches zu leisten? Irmgard Wolderings männliche Verwaltungskollegen sind verschiedener Meinung. Auf die linke Schulter klopfen ihr die einen: „Es wird schon alles gehen. Hauptsache, Sie behalten Ihren Charme.“ Und die anderen: Charme hin, Charme her – durchsetzen werden Sie sich als Direktorin nur, wenn sie Haare auf den Zähnen haben. Nun, die junge Prinzipalin ist nicht unerfahren. Als gegen Kriegsende die Universitäten geschlossen wurden, zog die Niedersächsin, die sich an der Münchener Universität so wohl gefühlt

hatte, mit einigen Freunden an den Tegernsee. Ein Maler, ein Journalist, ein Jurist und einige andere mieteten ein Häuschen und nannten es „Muse & Co.“ („Co“ war der Jurist.) Ihr Senior war der Geheimrat Escherich, ehemals Rektor der Münchner Universität, der hier seine Lebenserinnerungen schrieb. Der Maler porträtierte amerikanische Soldaten für Kaffee und Zigaretten, Fräulein Irmgard schrieb ein Kindermärchen, ein Laienspiel und anderes, das gedruckt wurde. Wer aber einen Gedanken gefunden hatte, der neu oder wichtig erschien, der schlug in dem Domizil an den großen Hausgong. Hätte das Kestner-Museum einen Gong, die Frau Direktor ließe sich immer rufen, wenn Gruppen kommen, die geführt werden wollen, Schüler, Ausländer, Messebesucher. Der Mann fühlt sich im Museum zunächst als Forscher. Aber die Frau an der Spitze will führen, indem sie vermittelt, indem sie Werte aufschließt, die bei dem Nichtkenner verborgenes Leben bergen.

Frau Voldering erinnert an den Stolz der Amerikaner auf ihre Museen, die jeden Sonntag überfüllt sind. Warum sollte das nicht in Deutschland möglich sein, das – wie lange noch? – viel reicher an Museumsschätzen ist? Es ist eine Frage an den Museumsbeamten. Nicht an den Forscher, der er auch ist und sein muß, sondern an den Vermittler. In Hannover sucht eine Frau die Antwort in der Praxis. J. J.