Wenn ein Patient Fieber hat und das ratlose Konsilium der Ärzte und Familienangehörigen beschließt, die einfachste Therapie sei, das Thermometer zu verstecken, so muß diese Methode, um das mindeste zu sagen, allgemeine Verwunderung hervorrufen. Genau dies ist aber passiert, als im Schmeißer-Prozeß in Hannover am zweiten Tage ein Vergleich geschlossen wurde, ohne daß die Öffentlichkeit erfuhr, was eigentlich los ist. Wieso, so fragte sich jedermann, waren der Kläger Bundeskanzler Adenauer und die Nebenkläger Botschafter Blankenhorn und Generalkonsul Reifferscheidt plötzlich bereit, ihren Strafantrag auf Verleumdung und üble Nachrede zurückzuziehen? Was veranlaßte den Angeklagten Schmeißer und den SPIEGEL zu den von ihnen abgegebenen Erklärungen?

Sollten alle Beteiligten das Gefühl gehabt haben, daß eine weitere Untersuchung letzten Endes für jeden von ihnen peinliche Folgen haben könnte? Wäre es so gewesen, dann hätte man aber vermutlich schon wesentlich früher, jedenfalls ehe der Prozeß mit den Zeugen aus aller Herren Ländern angelaufen war, diesen peinlichen Rückzug angetreten. Welch andere Möglichkeit also bleibt? Sollten die bisherigen Akteure plötzlich erkannt haben, daß gar nicht sie die handelnden Figuren waren und daß darum eine Auseinandersetzung zwischen den aufmarschierten Parteien gar keinen Zweck hatte? Es bleibt in der Tat der Verdacht, daß es einen "dritten Mann" gibt, von dem bisher, jedenfalls in dem Spiegelartikel, noch nicht die Rede war.

Daß eine solche Gestalt jahrelang im Dunkeln verharren konnte, ist allein auf die Existenz und das Wirken der von der ZEIT oft genug angegriffenen Verfassungsschutzämter zurückzuführen – deren Bereich ja das Dunkle, Zwielichtige ist. Wir wollen hier die empörende Tatsache ganz unbeachtet lassen, daß im Zusammenhang mit diesem Prozeß der Leiter des Verfassungsschutzamtes Freiburg – ein Mann namens Riedel – einen sechzehnjährigen Schüler, den Bruder von Schmeißers Freundin, erfolglos angestiftet hat, für eine Belohnung von 30 DM bei Schmeißer Akten zu entwenden; wir möchten aber die Aufmerksamkeit auf das hessische Verfassungsschutzamt lenken und auf dessen Rolle im Hintergrund der Schmeißer-Affäre.

Doch zunächst noch einmal zu Schmeißer, dessen Karriere unweigerlich an den dritten Mann zusteuerte. Schmeißers abenteuerlicher Lebensweg seit 1945 ist bekannt. Er führte ihn vom Münchner Sonderministerium über das hessische Landwirtschaftsministerium, eine Rechtsanwaltspraxis in Frankfurt am Main, zum französischen Nachrichtendienst und schließlich als V-Mann zum hessischen Verfassungsschutzamt Die strafrechtlichen Marksteine seines Lebenswegs in diesen Jahren sind: Haftbefehl der Staatsanwaltschaft München wegen passiver Bestechung; Fahndungsbefehl der Staatsanwaltschaft Frankfurt/Main wegen Unterschlagung, versuchter Urkundenfälschung, Führung eines ihm nicht zustehenden Titels; Strafanzeige des – Bürgermeisters von Boppard und steckbriefliche Ausschreibung wegen Nichtbezahlung seiner Schulden und Schädigung in neun Fällen.

Dieser vielversprechende junge Mann – er ist 1919 geboren – war in politischer Hinsicht nicht minder vielseitig tätig als in "kaufmännischer": er arbeitete für die Franzosen, für die Deutschen, für die Saarregierung. Bald betätigte er sich antikommunistisch, bald schmiedete er mit an dem Plan, Otto Strasser auf verschlungenen Wegen nach Deutschland einzuschleusen. Und schließlich diente sein umfangreiches Protokoll – am 22. November 1951 in Wiesbaden unter Mitwirkung des hessischen Verfassungsschutzamtes verfaßt – als erste Grundlage für den Spiegel- Artikel und für die Gerüchte, die schon vor dessen Erscheinen durch Deutschland geisterten.

Damals also, im November 1951, geriet Hans Konrad Schmeißer in den unmittelbaren Bereich des hessischen Verfassungsschutzamtes. Er endete dort nicht, wie man meinen sollte, als längst fällige Beute in den Fängen eines Hüters der Ordnung, nein, weit gefehlt, er landete dort als neue Hoffnung dieser fragwürdigen Institution. Und hier nun beginnt die Episode, die ganz zu Unrecht bisher im Dunkeln blieb. Sie entzog sich dem Tageslicht, weil die Schlüsselfigur, der ebenfalls angeklagte sogenannte Ministerialrat Ziebell alias Dr. Christians, alias de Laboret, es verstand, den Scheinwerfer auf Schmeißer zu richten und selber im Hintergrund zu bleiben. Damals wußte noch niemand, daß der Agent Schmeißer (auch er selber realisierte es nicht) von einem Dritten, der nicht einmal sein Auftraggeber war, gesteuert wurde.

Ziebell bestreitet zwar mit aller Vehemenz, daß er selber zum Verfassungsschutzamt gehört habe. Er hat aber – so sagt Schmeißer – ein Zimmer im Verfassungsschutzamt gehabt und den Schlüssel zum Haus immer in der Tasche getragen. Auch der damalige Leiter des hessischen Verfassungsschutzamtes, Oberregierungsrat Paul Schmidt, bestätigt, er habe Ziebell als Agenten beschäftigt.