Früher als zu erwarten stand, hat die Preissenkungskampagne des Bundeswirtschaftsministers Erfolge gezeitigt. Mitten in der Hochkonjunktur sind Preisnachlässe erfolgt, die nicht zuletzt auch dem Geldbeutel des Verbrauchers Entlastung bringen. Die Preise für Spitzensorten der Margarine und Kokosfett sind heruntergesetzt worden, Kühlschränke wurden billiger, die Papierindustrie änderte die Preise für einige ihrer Sorten, die Schrottpreise gingen herunter, die Lebensmittel-Filialbetriebe machen Konzessionen bei Hülsenfrüchten und Konserven, und verschiedene große Elektrizitätswerke sind dabei, Tarife nachzulassen, nachdem das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk (RWE) durch Herabsetzung des Kleinsttarifs für Abnehmer von Haushaltsstrom ein Beispiel gegeben hat.

Das sind Preissenkungen, die in den letzten Tagen bekannt wurden. Andere liegen noch in der Luft, wie etwa bei der Bundespost. Sie erfolgten freiwillig und gewissermaßen "freihändig", ohne daß es "konkreter Maßnahmen" seitens des Staates bedurft hätte. Auch diese werden ja noch kommen. Das "gute Zureden" blieb also nicht ganz ohne Wirkung, wie nun wohl auch diejenigen werden zugeben müssen, denen derartige "Wunderkuren" von Anfang an nicht in ihr Konzept paßten. Freilich handelt es sich zumindest bei einigen dieser Märkte nicht gerade um solche, die sich durch idealeWettbewerbsverhältnisse auszeichnen. Mag sein, daß sie in ihrer Preisstellung besonders günstigen Manipulierungsmöglichkeiten unterliegen. Aber es ist ja wohl auch nicht so, daß diese Preise ohne jede Rücksicht und ganz jenseits von Angebot und Nachfrage "durch Diktat" zustande kommen. Preissenkungen auch auf oligopolistischen Märkten sind ein Erweis dafür, daß diejenigen offenbar nicht ganz im Unrecht sind, die behaupten, daß in der Wirtschaft und zwischen ihren "Daten" – in einigen Bereichen mehr, in anderen weniger – Raum für die gestaltende Initiative des Menschen ist – auch was die Preise angeht.

Vielleicht werden wir hier nun wieder zu hören bekommen, daß das ja von niemandem geleugnet worden sei. Aber warum, so müssen wir dann fragen, hat man sich vor vier oder sechs Wochen, als Erhard mit seinem psychologischen Kreuzzug begann, hier und dort so sehr beeilt, dem Bundeswirtschaftsminister zu bescheinigen, daß er auf dem Holzweg sei, daß Appelle an das Verantwortungsbewußtsein nichts fruchten würden und nicht nur verlorene Liebesmüh seien, sondern sogar im Widerspruch zu den Axiomen der Marktwirtschaft stünden? Nun, es hat sich wohl inzwischen so viel gezeigt, daß solche Bemühungen nicht nur nicht utopisch sind, sondern auch eine durchaus "konforme" Methode, die Marktwirtschaft mit ihren Freiheiten zu sichern und auszubauen.

Um nicht mehr und um nicht weniger als darum geht es dem Bundeswirtschaftsminister. Übrigens auch denjenigen, die diese Aktion in der Öffentlichkeit unterstützen. Es ist nicht "das tief sitzende Mißtrauen oder gar der Widerwille gegen eine freie Wirtschaft", was sich da zu Worte meldet, sondern die wohl doch sehr realistische Erkenntnis, daß die Marktwirtschaft nicht länger den Makel auf sich sitzen lassen kann, insofern ein unsoziales System zu sein, als in ihm auf die fetten Tage der Hochkonjunktur regelmäßig die mageren der Baisse zu folgen pflegen.

In der Tat ist es bisher nie gelungen, die Wirtschaft auf einem hohen Niveau zu stabilisieren, ohne schwere planwirtschaftliche Eingriffe in die Freiheit und ohne den Ruin der Währung. Wenn ein Boom sich zu überschlagen drohte oder wenn er sich sogar schon überschlagen hatte, dann trat man energisch auf die Kreditbremse. Das verfehlte seine Wirkung in der Regel nicht. Aber mit dem Boom war dann auch die Konjunktur zur Strecke gebracht. Derartige Roßkuren können wir uns heute nicht mehr leisten, wenn wir das von Erhard mühsam wieder aufpolierte Prestige der Marktwirtschaft nicht erneut aufs Spiel setzen wollen.

Es bleibt natürlich abzuwarten, ob und wie weit uns dieser Gratwandel zwischen Inflation und Deflation gelingen wird. Auf jeden Fall richtig ist aber wohl die hinter diesem Versuch stehende Erkenntnis, daß das Auf und Ab der Konjunkturen, wie wir es in der Vergangenheit erlebt haben, seinen Grund nicht so sehr in den Fakten als viel mehr in den Menschen hatte, die diese Fakten auf ihre Art zu deuten und sich mit ihnen auseinanderzusetzen versuchen. Auch heute haben die Übersteigerungen der Konjunktur, soweit sie auf einigen Teilgebieten der gewerblichen Wirtschaft zur Last zu legen sind, ihren Nährboden weniger in den gegebenen "Daten", sondern vor allem in übertriebenen Erwartungen. Sie sind mehr oder weniger Wechsel auf die immer ungewisse Zukunft. Diesen breiten Spielraum, der da für die menschliche Entscheidungsfreiheit zwischen den Mechanismen der Märkte sichtbar wird, für eine aktive Konjunkturpolitik nutzbar zu machen, scheint kein schlechter Gedanke zu sein.

Damit werden wir die Wirtschaftsschwankungen wohl nicht völlig verhindern, aber eventuell mäßigenkönnen. Jedenfalls sind solche Bemühungen jetzt überall in der Welt erkennbar, und vielleicht deutet sich damit so etwas wie eine neue Phase der Wirtschaftsbetrachtung an, nachdem die Naturwissenschaften, die die klassische Lehre von der Wirtschaft so nachhaltig beeinflußten, schon längst den Glauben an die Allwirksamkeit der Mechanismen verloren haben. Als man nämlich, bei der Atomforschung, den Dingen näher auf den Grund sah, da mußte man feststellen, daß selbst auf dem ureigensten Gebiet exakter Gesetzmäßigkeiten von einer durchgängigen Determiniertheit aller Vorgänge keine Rede sein kann. Auch die Wirtschaftswissenschaften sind wohl jetzt dabei, aus dieser Veränderung des modernen Weltbildes ihrerseits die Konsequenzen zu ziehen.

Der Bundeswirtschaftsminister allerdings, der – wie gesagt, nicht ohne Erfolg – im Augenblick die menschliche Seite der Wirtschaft so stark in das Rampenlicht rückt, kommt insofern in eine einigermaßen schwierige: Lage, als nun, bei der Kartelldebatte, von der Industrie eine Akte Erhard contra Erhard aufgeschlagen wird. Man mag zu diesem Problem stehen wie man will. Wenn aber Erhard jetzt so sehr von der Manipulierungsfähigkeit der Wirtschaft und sogar der Preise überzeugt ist, dann reimt sich das schlecht zusammen mit seiner Auffassung, daß Kartelle und dergleichen "Ungeheuerlichkeiten" immer und auf jeden Fall ein übel sind. Der Minister kann es der Industrie jedenfalls nicht verdenken, wenn sie ihn nun beim Wort nimmt. Wolf gang Krüger