Der Leser der ZEIT erwartet von seinem Blatt in erster Linie weniger eine ("bewußt") neutral gehaltene Berichterstattung als vielmehr eine Stellungnahme zu den Geschehnissen: eine fundierte Stellungnahme natürlich, die soviel von dem "objektiven Befund" mitteilt, daß es dem Leser ermöglicht wird, sich daraus seine eigene Meinung zu bilden – wenn er mag, das heißt, wenn er sich der Auffassung, die ihm da von den Autoren der ZEIT vorgesetzt wird, nicht ohne weiteres anzuschließen bereit ist. Es entspricht dem Wesen einer Wochenzeitung und unterscheidet sie von den täglich erscheinenden Blättern und Nachrichtendiensten, daß derart kritischbetrachtend verfahren wird ... und verfahren werden kann: weil ja nämlich beim Leser die Kenntnis der nachrichtlichen Fakten aus den letzten Tagen weitgehend vorausgesetzt werden darf. Die Sache wird freilich dann schwierig, wenn das Blatt mit einem Leser zusammenstößt, dem die in der Zeitung ausgesprochenen Meinungen und Urteile nicht in seinen Kram passen und der deshalb sauer reagiert – etwa mit dem Vorwurf: hier werde schlecht und tendenziös "berichtet". Soweit es sich aber nicht um eine Berichterstattung über Tatsachen, sondern um die kritische Würdigung (und Beurteilung) von irgendwelchen Fakten handelt, fällt ein solcher Vorwurf völlig ins Leere. Denn wem die Tendenz unserer Beurteilung seines Verhaltens nicht paßt, weil er dabei schlecht wegkommt, dem ist es ja unbenommen, die Motive seines Verhaltens darzulegen, um uns so (eventuell..) zu einer Revision unserer Meinung zu veranlassen – über Meinungsfragen läßt sich ja immer streiten! Gründlich verfehlt aber ist es, da, wo es um Meinung und Beurteilung geht, der Auseinandersetzung ein anderes Thema zu unterschieben und die Richtigkeit und Qualität der Berichterstattung in Zweifel ziehen zu wollen.

Nach dieser langen (aber doch wohl notwendigen) Vorrede können wir nun zur Sache kommen, nämlich zur Wiedergabe eines Briefes, den uns der Rechtsanwalt ("Fachanwalt für Steuerrecht") Herr Dr. Werner Nüsse in Köln geschrieben hat. Der Brief lautet:

"Ihren ’Artikel ‚Schlamperei mit öffentlichen Bürgschaften‘ in der Ausgabe der ZEIT vom 29. September 1955 habe ich gelesen. Ich werde von Ihnen darin als ein ("in Bonn wohlbekannter ...") Kölner Rechtsanwalt apostrophiert, der gegen die Firma G. L. Gaiser in eigener Sache einen Teilbetrag eines ‚Erfolgshonorars‘ einklagen zu können glaubte, nachdem er es durch seine ‚guten Beziehungen‘ durchgesetzt hatte, daß Kredite und Bundesbürgschaften im Betrage von mehreren Millionen DM für den Wiederaufbau von deutschen Handelsniederlassungen im Ausland bewilligt worden waren, während die Firma G. L. Gaiser des guten Glaubens war, daß Forderungen aus solchen (sittenwidrigen) Geschäften nicht einklagbar seien.

Richtig ist, daß die von mir vertretene Firma G. L. Gaiser nach Durchführung der Kreditverhandlungen von mir eine Gebührenrechnung unter Zugrundelegung der Landesgebühren-Ordnung für Rechtsanwälte erhielt, die sie nicht in voller Höhe anerkannte, worauf ich, um die Rechtmäßigkeit der Gebührenberechnung zu beweisen, einen Teilbetrag meiner Differenzforderung einklagte, der allerdings unverzüglich von der Firma G. L. Gaiser bezahlt wurde.

Die Kreditaktion geht auf die Bemühungen des hanseatischen Überseehandels um die Wiederaufbaufinanzierung seiner Auslandsniederlassungen zurück. Die Gründe für die Bereitstellung von ERP-Mitteln und Bürgschaften durch die Bonner Ministerien und die Landeszentralbehörden in Hamburg und Bremen beruhen auf der Kenntnis von dem Wert der afrikanischen Positionen deutscher Handelshäuser und ihrem, dem Werte nach gar nicht abschätzbaren und für die deutsche Exportwirtschaft wahrhaftig unersetzlichen good will ‚drüben‘, den ja auch Sie hinsichtlich der Firma G. L. Gaiser anzuerkennen scheinen. Die Kreditaktion ist übrigens im Etatjahr 1754 mit einem Betrag von fünf Mill. DM aus ERP – Mitteln wiederholt worden.

Nur ein Narr, der von der deutschen Volkswirtschaft einerseits und der bundesrepublikanischen Ministerialbürokratie andererseits nicht wesentlich mehr versteht als ein Ferkel von der Astronomie, könnte auf den Gedanken kommen, daß die Bewilligung von Krediten und Bundesbürgschaften im Betrage von mehreren Mill. DM mit ‚guten Beziehungen‘ eines Rechtsanwalts zu erreichen wäre.

Ich weiß nicht, aus welchem Topf Sie Ihre dürftigen Informationen geschöpft haben, vollends nebelhaft bleibt mir Ihre Ansicht, daß die anwaltliche Vertretung Hamburger und Bremer Handelshäuser vor deutschen Zentralbehörden und die Führung von Kreditverhandlungen ein ‚sittenwidriges‘ Geschäft sei.