m. z., Nürnberg

Die Nürnberger haben das Denkmal des 1872 inihren Mauern gestorbenen Philosophen Ludwig Feuerbach, das 1933 von den nationalsozialistischen Behörden entfernt worden war, wieder aufgestellt. Kurz vor seiner Einweihung im Rahmen des dritten Kongresses für Geistesfreiheit in Nürnberg passierte nun aber eine Panne.

Die Inschrift auf dem Sockel zu Füßen des Hegelschülers, dessen materialistische Philosophie entscheidenden Einfluß auf die Theorien von Marx und Engels gehabt hat, wurde von unbekannten Tätern mit Farbe überschmiert. Diese Inschrift – ein Zitat aus Feuerbach – lautete: "Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde."

Daß gerade dieser Satz, der schon zu Lebzeiten Feuerbachs zum Kampfruf seiner Jünger und zum Ärgernis seiner christlichen Zeitgenossen wurde, auch heute in einer Stadt, deren Einwohner sich zum größten Teil zum Christentum bekennen, zum Protest reizen mußte, ist verständlich. So hatte denn die CSU im Nürnberger Stadtrat schon vor der Wiederaufstellung des Denkmals erklärt, diese Inschrift sei eine Gotteslästerung. Aber verbieten kann ein demokratischer Stadtrat eine Inschrift nicht. Und so blieb sie denn, wie auch früher, auf dem Sockel – wenn auch vorerst noch verhüllt.

Sicher werden viele sagen, es handele sich hier um einen der berühmtesten Aussprüche eines berühmten Philosophen des neunzehnten Jahrhunderts. Aber wie viele Vorübergehende wissen heute noch etwas von Feuerbach? Wie viele wären bereit, einen solchen Satz mit dem geistesgeschichtlichen Interesse eines Philosophiestudenten zu lesen? Die Sorge des Stadtrates war also begreiflich.

Ebenso begreiflich, aber recht unerfreulich – weil ebenso unchristlich wie unweise – erscheint aber die Selbsthilfe jener unbekannten Schwarzmaler. Möglicherweise war es ein mittelfränkischer Don Camillo, der seinem Zorn bei Nacht mit einem Topf Farbe zum Ausdruck verhalf und vielleicht meinte, er könne mit ein paar Pinselstrichen das Ärgernis – und den Geist dieser Worte – auswischen. Er übersah wohl, daß er damit dem philosophischen Materialismus Feuerbachs weniger philosophisch als materiell zu Leibe rückte.

Solange die christlichen Nürnberger kein anderes Mittel als einen Farbtopf finden, um dafür zu sorgen, daß das Denkmal eines bedeutenden Denkers in ihren Mauern kein öffentliches Ärgernis erregt, wird wohl auch eine doppelte Polizeiwache (die seit jener Nacht das Feuerbach-Denkmal behütet), sie vor geistigen Gefahren kaum bewahren können. Die Sucht, mit Farbe und Pinsel oder gar noch handfesteren Waffen geistige Probleme und Fragen der Überzeugung entscheiden zu wollen, ist die Quelle aller Gewaltmethoden und der Ursprung der Diktaturen. – In Nürnberg hat sich vielleicht keine der beiden "Parteien" etwas Böses gedacht. Weder die Menschen, die das Zitat auf dem Denkmal stehenließen, noch jene, die es in berechtigter Sorge auszustreichen versuchten. Das Bedenkliche ist nur, daß offenbar keiner von ihnen über das nachgedacht hat, was er tat.