Die europäischen Länder werden, wohl für die Olympischen Spiele in Melbourne nur recht kleine Mannschaften melden können, weil die Kosten einer Expedition nach Australien für viele von ihnen fast unerschwinglich sind. Das Deutsche Nationale Olympische Komitee (NOK) hat daher auch des öfteren schon erklärt, daß vermutlich nur Spitzenkönner, die eine relative Aussicht auf den Gewinn einer Medaille haben, mit einer Fahrkarte nach Melbourne werden rechnen können.

Unbeschadet aller wirtschaftlichen Überlegungen hat nun der Deutsche Fußballbund (DFB) die Absicht geäußert, seine Amateur-Nationalelf zu dem Olympischen Fußballturnier zu entsenden. Dieser Entschluß hat sowohl im Lager der Sportler wie in der Öffentlichkeit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Nach den bisherigen Plänen soll die deutsche Gesamtmannschaft nicht mehr als sechzig Mitglieder aus etwa fünfzehn Sportarten umfassen. Wenn der DFB, so argumentiert man in den Kreisen der Kritiker der Fußballführung, auf seinem Entschluß verharrt, müßten für die (angeblich) in keiner Weise olympiareifen Fußballmannschaft fünfzehn Sportler zurücktreten, die sonst nach den Richtlinien des NOK hätten nach Melbourne mitfahren können. Man hat dazu (in der Annahme, daß unsere Amateurspieler kaum über die erste Runde hinauskommen dürften) ausgerechnet, daß dann für ein einziges (verlorenes) Spiel 300 000 DM sinnlos zum Fenster hinausgeworfen wären. Weiter sagt man, daß Fußball keine klassische olympische Sportart sei. Was heißt denn "klassisch"? Betrachtet man die Spiele der Neuzeit, so ist Fußball durchaus als "klassisch" anzusprechen, denn schon bei den zweiten olympischen Spielen in Paris 1900 war dieses Ballspiel vertreten, während sehr viele andere Sportarten, die heute auf dem Programm stehen, erst viel später für olympiawürdig erklärt worden sind. Zum dritten hört man, daß Amateurfußball überhaupt ein Hohn sei, wenn Rußland, Ungarn oder andere Ostblockstaaten mit ihren Staatsamateuren antreten. Gerade das aber ist für uns ein Hauptgrund, zu fordern, unsere Fußballspieler nach Melbourne mitzunehmen. Denn in einer Zeit, da der Professionalismus, offen oder versteckt, im Fußball (und nicht nur in ihm) regiert, sollte man den wenigen wirklichen Amateuren, soweit wie möglich jede Chance geben, ihre Kräfte mit anderen Nationen zu messen. Mögen die anderen sich mit ihrem olympischen Eide abfinden wie sie wollen, unsere Amateurspieler gehören als echte Vertreter des olympischen Gedankens nach Melbourne. Falls der westdeutsche Bund keine Mannschaft entsendet, wird möglicherweise die Sektion Fußball der DDR auf ihre eigenen Kosten eine rein ostzonale Mannschaft nach Melbourne schicken. Natürlich halten auch wir nichts von Prestigefragen. Aber in diesem Fall sprechen ganz andere Momente mit, die Dr. Bauwens und seine engsten Mitarbeiter mitbestimmt haben mögen, eine (gesamtdeutsche) Amateurfußballmannschaft nach Australien zu schicken.

Außerdem ist die ganze Aufregung über die wirtschaftliche Seite dieses Problems überflüssig. Für die fünfzehn Fußballspieler braucht nämlich nicht ein einziger Sportsmann zurückzubleiben. Denn der Fußballbund kann diese Reise seiner Amateure sehr gut aus eigener Tasche bezahlen. Er ist der bei weitem reichste deutsche Sportverband. Und wenn er nicht in die eigene Kasse greifen will dann braucht er nur seine fast zwei Millionen Mitglieder zu einer Olympiaspende aufzufordern. Das sollte auch für alle anderen Sportverbände gelten. W. F. Kleffel