Als William Faulkner vor ein paar Wochen in Paris von Journalisten über seine Eindrücke von der Literatur dieser Jahre befragt wurde, gab er zur Antwort: "Ich komme nicht dazu, sie zur Kenntnis zu nehmen, denn ich verwende alle freie Zeit auf die Lektüre jener vier Autoren, die mich schon in meiner Jugend fasziniert haben: Flaubert, das Alte Testament, Dostojewskij und Shakespeare."

Die Wortschärfe Flauberts, die lapidare Kraft und schwellende Fülle des Alten Testaments, das unendliche Religionsgespräch Dostojewskijs und Shakespeares redegewaltige Ausdrucksleidenschaft – das sind auch wirklich die Elemente von Faulkners epischer Kunst geworden. Wo aber ist ihre Einheit, das eigentlich Faulknersche? Da alle bisherigen Romane Faulkners in den Mississippistaaten spielten, hat man gemeint, die Welt dort sei sozusagen das unzerbrechliche Firmament seiner Romane und darum auch die unübersteigbare Grenze seiner Phantasie. Nun aber kommt, nach neun Jahren Arbeit, eine Dichtung, in der jenes Firmament zerbrochen und jene Grenze überstiegen ist – eine Dichtung, deren Schauplatz Frankreich 1917 und 1918 ist, eine epische Dichtung, die kein Roman ist, sondern weit mehr als das: "A Fable" (so heißt ihr Titel), also etwas von der Art religiöser Mythen, in der Grundanlage vergleichbar etwa der Edda oder der Divina Commedia. Die deutsche Ausgabe hat das so kurz wie treffend wiedergegeben:

William Faulkner "Eine Legende". Deutsche Übertragung von Kurt Heinrich Hansen. Scherz & Goverts Verlag, Stuttgart, 512 Seiten, Leinen 22,50 DM.

Eine viel zu kurzatmige, aber schon gängig gewordene Formel besagt, Faulkner habe in diesem Buch, das er selbst für sein Hauptwerk hält, zeigen wollen, wie es Jesus Christus ergehen würde, wenn er den Versuch machte, in den Materialkrieg des zwanzigsten Jahrhunderts einzugreifen und durch einen Appell zur Kriegsdienstverweigerung mit einem Schlage Frieden auf Erden herzustellen. Aber abgesehen davon, daß die Katastrophe des wiederkehrenden Jesus bereits von Dostojewskij in der bitteren Legende vom "Großinquisitor" so tief ausgelotet worden ist, daß Faulkner mit einem ähnlichen Unternehmen nur offene Türen hätte einrennen können (was gewiß nicht seine Art ist) – die Fabel seiner Fable erlaubt eine solche Deutung nicht.

Sie beruht (um abgekürzt zu sagen, wofür Faulkner 500 Seiten braucht, und keine davon zuviel) auf der realiter völlig unmöglichen Voraussetzung, daß es einem französischen Korporal, unehelichem Sohn des Marschalls Foch und eines syrischen Freudenmädchens, im März 1918 habe gelingen können, zunächst zwölf Kameraden und dann sogar ein ganzes Regiment zur Gehorsamsverweigerung an der Front von Verdun zu bewegen – worauf zunächst alle Armeen der Westfront, auch die deutsche, für eine Woche das Feuer einstellen, bis durch eine Übereinkunft der Generalitäten der Krieg ordnungsmäßig wieder in Gang gebracht worden sei und man den Rädelsführer der Meuterei – eben jenen Korporal – gemeinsam mit zwei Dieben habe hinrichten lassen.

Die Analogie zur Passion Jesu scheint gegeben: die Geburt in Syrien, die Zwölfzahl der engeren Anhänger, von denen überdies einer für dreißig Silbermünzen den Plan der Meuterei verrät, während ein anderer (Pierre oder Pjotr mit Namen) nach der Verhaftung die Zugehörigkeit zu der Gruppe verleugnet, der schmachvolle Tod zwischen zwei "Schächern". Aber paßt es zu Jesus, daß Faulkners Korporal zwei Schwestern namens Maria und Martha hat, von denen die ältere ekstatisch kontemplativ, die jüngere praktisch rüstig ist, und daß ferner der Leichnam des Korporals, unversehrt in einem Acker gefunden, 1919 als der des "Unbekannten Soldaten" im Arc de Triomphe gegenüber dem Sarkophag seines Erzeugers, des Marschalls, beigesetzt wird? Nein, die Gleichung Korporal = Christus ist zu voreilig.

Dem Sinn dieses großen und ungeheuerlichen Werkes kommt man eher dann auf die Spur, wenn man es nicht als allegorische Versetzung der Passion in die Welt unseres Jahrhunderts auffaßt, sondern annimmt, daß für Faulkner selbst das Leben Jesu eine Fable ist, eine Konfiguration von Geschehnissen, die über ihre Tatsächlichkeit hinausweisen und ihre Wahrheit nur dem enthüllen, der sie aus eigener Erschütterung in ihrem transzendenten Zusammenhang neu zu fassen und zu gestalten versucht. Wer in unsere Zeit das Machtwort des Friedens ruft, erleidet das Schicksal eines armen Lazarus, der zwar zur Unsterblichkeit des (anonymen) Ruhms erweckt werden, aber nicht auferstehen kann.