Von Herbert Eisenreich

Ob einer ein "Butje" oder ein "Strizzi" ist, das hängt, auch bei innigster Seelenverwandtschaft, zuerst einmal davon ab, ob der Betreffende aus Hamburg oder aus Wien stammt. Der Mann aus Zürich oder aus Königsberg freilich wird hier wie dort "nur Bahnhof" verstehen und deshalb nachschlagen müssen, zum Beispiel in dem kürzlich erschienenen

Wörterbuch der deutschen Umgangssprache. Von Heinz Küpper. 420 S., 27,– DM. Claassen Verlag, Hamburg 1955.

Und dort wird er dann – ja denkste! Weder den Butje noch den Strizzi wird er finden irgendwo in der Skala zwischen Lausbub und Zuhälter!

Indessen, das beweist vorerst einmal nur, daß die Sprache, in all ihren Stadien und Ausprägungen, nicht nur in einem spirituellen, sondern auch in einem durchaus gegenständlichen Sinn den einzelnen Menschen bei weitem übersteigt; auch den Dr. Heinz Küpper, wiewohl sich dieser immerhin an die zwanzig Jahre lang dem Aschenbrödel der Sprachwissenschaft, der Umgangssprache, gewidmet hat. Und wenn er uns vorerst zwar noch den Butje und den Strizzi vorenthält, und wenn er das wienerisch-private Gschpusi in ein reichsdeutsch--offiziöses Gespusi, also gleichsam die Liebelei in ein Verlöbnis verwandelt, und wenn er vielleicht in hundert anderen Fällen danebenhaut: so entschädigt er uns, im ganzen beurteilt, durch die Fülle des Materials und die Akribie der Darstellung reichlich. Der (von Küpper ebenfalls unterschlagene) Kritikaster sollte daher, anstatt weiß Gott wie großzutun, die von Verlag und Verfasser geäußerte Bitte um Zuleitung von Ergänzungen und Berichtigungen erfüllen. Karte genügt.

Gerade deshalb aber, weil Küppers Unternehmen unseren dankbaren Beifall findet, müssen kritische Worte verstattet sein: nicht im Hinblick auf das Vokabularium – wie dieses durch die Mitarbeit jedes einzelnen zu verbessern sei, wurde eben angedeutet –, sondern in bezug auf den einleitenden Essay "Vom Stil der deutschen Umgangssprache". Zweifellos hat Küpper recht, wenn er die Umgangssprache als das Verständigungsmittel im Alltag von massenweise zusammengewürfelten Menschen unterschiedlicher Herkunft und Bildung, unterschiedlichen Standes und Volkstums bezeichnet; daher sehr viele ihrer Ausdrücke dem soldatischen Milieu entstammen, aber auch dem der Studenten, der Ganoven, der Wanderburschen, des unsteten Industrieproletariats. Und durchaus einleuchtend sind die von Küpper angeführten Beispiele dafür, wie fein die Umgangssprache zu nuancieren versteht, welche unverfälschte Anschauung zu ihren Bildprägungen führt, mit wieviel Witz, Humor und Ironie sie unserem durchschnittlichen Alltagsdasein sprachlich beikommt. Um so verwunderlicher aber, daß Küpper schließlich die fast zwanzig Jahre lang bewiesene Liebe zu seinem Gegenstande verleugnet und sich sozusagen entschuldigt: die Umgangssprache gehe eben, der Mentalität ihrer "Träger" entsprechend, doch nicht hinaus "über die Niederungen eines sich in nüchterner Nützlichkeit, in immerwährender Unzufriedenheit und selbstsüchtiger Selbstverteidigung erfüllenden Alltagsdaseins".

Aber, aber, Herr Doktor!... Wir möchten doch meinen, daß der in Frage stehende Sprachkomplex zu umfänglich ist, als daß er sich zum Belege solcher Behauptungen ausschlachten ließe. Natürlich gibt es Wortgebilde, die es nicht verdienen, auch nur der allernächsten Generation überliefert zu werden: "schauderös" (für schauderhaft), "sich platzen" (für Platz nehmen) oder "mir geht’s danke" (für mir geht’s einigermaßen gut); weil solcherart entleerte Sprache nur adäquat ist einem leeren Hirn. Die Mehrzahl der von Küpper angeführten Ausdrücke indes braucht sich vor keinem hochdeutschen Wort zu genieren. Worte wie "partout" (durchaus) oder "Spritztour" (kurze Vergnügungsreise) könnten zwar verdeutscht, aber nicht mehr gültig ersetzt werden; Prägungen wie "Stahlroß" (Fahriad), "wie die Faust aufs Auge passen" (durchaus nicht passen) oder "Lumpensammler" (letzte Straßenbahn) zeugen, ob ernst oder witzig gemeint, für Beobachtungsgabe und Phantasie; und das "Hasenpanier" ist immerhin von Luther, der "Grasaffe" von Goethe, der "Bücherwurm" von Lessing, das "Schwabenalter" von Wieland, wenn nicht gerade erfunden, so doch durch Gebrauch geadelt worden.