Athen, im Oktober

Bisher war Papagos – dessen Tod ganz Griechenland beklagt – als Regierungschef der Träger der griechischen Außenpolitik, die sich auf den beiden Pfeilern der unbedingten Zugehörigkeit zum Westen und auf dem Balkanpakt aufbaut. Es ist selbstverständlich auch die traditionelle Linie des Königshauses. Das Königspaar hat – mitten in den antigriechischen Unruhen in der Türkei – seinen seit langem geplanten Gegenbesuch bei Tito durchgeführt. Stephanopoulos, bis vor kurzem noch Außenminister, konnte in London nicht mehr als den Abbruch der von Großbritannien zusammengerufenen Zypernkonferenz nach Athen melden. So war praktisch "niemand zu Hause", als das in den letzten drei Nachkriegsjahren errichtete Gebäude einer neuen griechischen Außenpolitik vor aller Augen ins Wanken geriet. Die Planziele wurden nicht erreicht. Schlimmer noch: auch die Fundamente wurden erschüttert. Damit stellt sich die Frage, wieweit die bisherige griechische Außenpolitik überhaupt sinnvoll ist.

In ungezählten Caféhäusern im ganzen Lande wird heute diese Frage erregt diskutiert. Vielfach trifft man auf die Forderung, die griechische Außenpolitik grundsätzlich zu revidieren. Der nationale Stolz ist tief getroffen. Das Gefühl, von den Großmächten des Westens in einer angeblich gerechten Sache verlassen worden zu sein, hat zu einem nicht ungefährlichen Ressentiment geführt, das der bekannten "Ohne-mich"-Haltung durchaus verwandt erscheint.

So etwa sieht die außenpolitische Bilanz in den Augen vieler Griechen aus: Wir haben Zypern trotz aller Verhandlungen mit unseren englischen Freunden nicht bekommen – also haben wir es jetzt verloren. Die Türkei hat die griechischen Minoritäten wirtschaftlich vernichtet, obwohl noch eben der Freundschaftspakt unterzeichnet wurde – also hat sie uns verraten. Die Großmächte des Westens, für die wir eine unverhältnismäßig große Armee unterhalten, sind über unsere nationalen Forderungen hinweggegangen – also haben sie uns verlassen.

Die griechische Außenpolitik hat ein Janusgesicht; denn es gibt nicht nur ihre im Westen bekannten Grundzüge, es gibt auch eine im eigentlichen Sinne hellenische Außenpolitik im Ostmittelmeerraum. In den Randländern dieses Raumes, von Konstantinopel bis Kairo, leben (abgesehen von Zypern) noch fast 300 000 Griechen in wohlgeordneten und wirtschaftlich höchst einflußreichen Gemeinden zusammen. Schon wird das griechische Element in den außergriechischen Ländern des Ostmittelmeeres in mancher Beziehung durch den wachsenden Nationalismus der jungen arabischen Staaten eingeengt. Mit der Einschnürung dieser Minderheiten aber werden auch die altehrwürdigen Patriarchate von Konstantinopel, Jerusalem und Alexandrien gefährdet. Bei der überaus engen und einmaligen Verflechtung von religiöser und nationaler Organisation, wie sie sich in der griechisch-orthodoxen Kirche manifestiert, würde damit ein Hauptstrang des griechischen nationalen Lebens getroffen werden.

Aus diesem Gesichtswinkel sollte die starre griechische Haltung in der Zypernfrage, aber auch die tieferen Ursachen der antigriechischen Unruhen in der Türkei verstanden werden. Mit Zypern als griechischer Insel würde in einem eventuellen späteren Machtkampf im Ostmittelmeer die griechische Position bedeutend stärker sein. Darum wohl auch kristallisiert sich der Enosis-Gedanke so kompromißlos in der Figur des zypriotischen Erzbischofs Makarios. Darum aber auch waren die antigriechischen Unruhen in der Türkei in so breiter Front nicht nur gegen den griechischen Wohlstand in der Türkei, sondern auch gegen die religiösen griechischen Institutionen gerichtet. Der Tod des Marschalls Papagos hat die außenpolitische Krise und die innenpolitischen Gegensätze für einen kurzen Augenblick freigelegt. Der langerwartete Kabinettsumbau wurde in überraschender Schnelligkeit vorgenommen. Die einzige starke Figur aus dem zurückgetretenen Papagos-Kabinett ist der neue Ministerpräsident: der sehr aktive frühere Minister für öffentliche Arbeiten, Karamanlis. Er ist ein Praktiker fast amerikanischen Typs. Die Vermutung, daß das neue Kabinett unter seiner Führung als wichtigste und dringendste Aufgabe die Einlenkung in eine außenpolitische Linie des Möglichen sieht, liegt nahe. Damit wäre bei einem gleichzeitigen Einlenken der Türkei viel gewonnen.

Aber das neue Kabinett ist kein neugewähltes Kabinett. Und gerade Neuwahlen um jeden Preis fordert die zögernd zueinanderstrebende Opposition, geführt von dem Liberalen Sophokles Venizelos, dem "rechten" Sozialdemokraten Papandreou und dem Mann der wirtschaftspolitischen Taten, Markezinis. Der König hat sich nach seiner Rückkehr von Belgrad klar gegen Neuwahlen erklärt. Jetzt wird sich zeigen, wieweit die staatspolitischen und weltpolitischen Argumente, die gegen Neuwahlen sprechen, von der griechischen Öffentlichkeit akzepiert werden. Curt Mitau