Bei Geschäftsbriefen und Liebesbriefen sollte man immer nur den letzten Satz lesen. Man spart so Zeit, Augenkraft und Nerven. Ein Absagebrief, der zwei Seiten lang ist und die ersten zwei Drittel vor Freundlichkeit warm plätschert, enttäuscht mehr, als wenn er nur einen Satz, nämlich den letzten, enthielte. Der letzte Satz aus dem Brief der Cinematheque von Frankreich lautete: "... und bedauern daher, Ihnen als gewerblichem Filmtheater keine Filme aus unserem Archiv zur Verfügung stellen zu können." Aus der Traum!

Jetzt wurde es ernst. Wir konnten zwar auf das normale Verleihangebot zurückgreifen, aber auf unserer Fahne stand doch "Alte Filmkunst". Unsere einzige Quelle war ein holländischer Kaufmann. Aber sein Lager war in absehbarer Zeit erschöpft. So machte ich mich auf die Suche nach alten Filmen, die nicht den Cinémathèquen gehörten.

Seltsame Abenteuer hatte ich zu bestehen; hier nur ein Beispiel:

Ein Schweizer, der anläßlich einer Messe in Hamburg weilte, erzählte, daß er bei einem Freund in Frankreich, einem Drogisten in einem französischen Landstädtchen, auch einmal "so alte Filme" wie hier gesehen hätte. Ich ließ mir die Adresse geben und fuhr ein paar Monate später, als sich das Fahrgeld erübrigen ließ, zu diesem Drogisten, um die Kopien abzuholen. Ich fand das Haus und auch Monsieur. Aber Monsieur war sehr verschlossen, und von Filmen sagte er keinen Ton. Sehr niedergeschlagen und enttäuscht fuhr ich nach Paris und erzählte meinen Freunden von diesem Mißgeschick. Sie amüsierten sich köstlich, und ich mußte einen Schnellkursus in französischer Provinzialkonversation absolvieren. Auf dem Rückweg habe ich mich dann mit Monsieur einen geschlagenen langen Tag über das Wetter und die "Europäische Idee" unterhalten. Erst abends, beim Landwein, kamen wir auf das Thema Film zu sprechen. Fast wie selbstverständlich ging er mit mir in seinen Farbenkeller und holte hinter einem riesigen Faß Kerosin einen verspakten Pappkarton hervor. Vier Filme waren darin, drei verschimmelt und verdorben, der vierte noch brauchbar. Es war René Clairs Un Chapeau de Paille D’Italie (1927) mit Albert Prejean und Olga Tschechowa.

Aber nicht alle noch spielbaren Kopien sind für studio 1 brauchbar. Sehr oft findet man einen Film und entdeckt, daß es nicht, wie erhofft, ein Kunstwerk, sondern ein alter Schmarren ist. Die Leute sind dann oft sehr verletzt, wenn man den Film nicht haben will. Und es ist dann gar nicht einfach, die Gründe für ein plötzliches Desinteresse zu erklären.

Aber es gab noch anderen Kummer: Kaum war der erste Stummfilm in unserem Studio gelaufen, da kam ein Brief von der deutschen Filmzensur, der freiwilligen Selbstkontrolle in Wiesbaden. Wann, wo und von wem unser Film zur öffentlichen Aufführung freigegeben worden sei? Erst nach Monaten fanden wir eine Lösung, auch diese Klippe zu umschiffen. Es wurde ein Verein "studio 1" gegründet, und Stummfilme liefen nun nur in geschlossenen Vorstellungen vor Mitgliedern dieses Vereins. Mitglied konnte jeder werden, ohne daß ihn die Mitgliedschaft etwas gekostet hätte. In den Satzungen heißt es unter anderem: "Die Unkosten des Filmbesuchs werden von den Mitgliedern selbst getragen." Auf diesem Umweg war es nun möglich, alte, nicht zensierte Filme vorzuführen.

So gelang es im Laufe der Zeit, langsam wieder vom normalen "Filmkunst-Theaterprogramm" abzukommen und auf das vorgenommene Cinemathèquen-Gleis überzuleiten. Inzwischen aber zeigte die Bilanz wieder eine bedenkliche Schlagseite. Der Betrieb mußte rigoros rationalisiert werden; das heißt: studio 1 wurde "Einmannbetrieb".