Wir sind zwar drei, aber Dienst macht immer nur einer. Er muß dann eine ganze Belegschaft repräsentieren. Geschäftsführer, Kassierer, Kontrolleur, Platzanweiser, Vorführer, Ingenieur, Telefonist und Reinmachfrau. Manchmal ist es recht schwierig, diesen vielen Pflichten gerecht zu werden. Oft greift dann das Publikum selbst ein. Achtet auf die Kasse, bedient das Telefon, wechselt. Schallplatten und zeigt Uneingeweihten den Weg zum Örtchen. Diese Besucher sind uns sehr angenehm.

Allerdings gibt es einige Gäste, die wir nicht so sehr gern sehen. Da sind einmal die Historiker. Sie betreten den Hinterhof mit feierlichem Gesichtsausdruck und betrachten ehrfurchtsvoll die Wandmalereien, die Ascheimer und das eiserne Treppengeländer. Sie erklimmen die Treppe leise und andächtig und versichern dem Kassierer ihre ganze Hochachtung. Sie erkundigen sich, auf welchem Sessel Chaplin gesessen hat und wie oft die Knef kommt. Sie stecken uns mit ihrer Dombesichtigungsstimmung an. Gelegentlich kaufen sie auch eine Karte, gelegentlich.

Aufregender sind die "Hausfreunde". Es sind Leute, die ihren Freunden oder Bekannten das studio 1 nebst lebendem Inventar dressiert vorführen. Sie kommen mit strahlendem Gesicht auf nich zu (ich kenne sie gar nicht); sie schütteln mir die Hand und stellen mich vor. Dann schreiten sie, ihrer Mahalla voran, wie ein Museumsführer von Ecke zu Ecke und erklären. Wann gebaut, warum so bemalt, warum die Ecke eckig sei und derlei mehr. Hin und wieder ein aufmunterndes Kopfnicken zu mir herüber oder gar ein anerkennender Schlag auf die Schulter.

Eine andere Besuchergruppe sind die Wirtschaftler. Sie sind bei uns aber gern gesehen, denn sie kommen in erster Linie des Filmes wegen. Man hört sie schon von weitem. Motorengebrumm; und ein schwerer Wagenschlag fällt zu. Klirrenden Schrittes kommen sie durch den Spalt. Sie biegen selbstbewußt um die Ecke und nehmen die Treppe in zwei Sätzen, verlangen laut ihre bestellten Karten und mustern dann, den Versicherungswert abschätzend, die Inneneinrichtung. Dann beginnt die obligatorische Unterhaltung. Ob es sich denn rentiere? Oder ob wir nicht besser – aus ökonomischen Gründen – einen "Gänseblümchen-im-Wiesengrund"-Film spielen sollten? Hin und wieder halten sie uns auch für störrisch, wenn wir partout, statt schlechter neuer Filme, gute alte Kinokunst auch in Zukunft zeigen wollen. Diese Unterhaltungen enden immer mit dem Rat, mehr Reklame zu machen. Dieser Rat ist wirklich sehr gut, und wir akzeptieren ihn voll und ganz. Leider fehlt hierzu wieder das Geld.

Ein besonderer Kreis sind jene Leute, die zu einer Sondervorstellung ins studio 1 kommen. Das ganze Kino zu mieten, ist bei 25 Plätzen nicht sehr teuer, und für manchen wird eine Geburtstagsfeier im "studio 1" billiger als eine Alkoholverteilungszeremonie im eigenen Wohnzimmer. Ein kleines Erlebnis: Letzte Vorstellung. Das Geburtstagskind, ein Hamburger Fruchtimporteur, stellt sich neben dem Kassierer auf und nimmt die Glückwünsche der Gäste entgegen. Jeder Gratulant bekommt aus einem großen Pappkarton eine Zellophantüte mit Äpfeln, Nüssen, Schokolade. Als der letzte Gast seine Tüte in Empfang genommen hat, wendet sich der alte Herr zum Kassierer und erkundigt sich nach dem Personal. Na ja, es wird ihm Auskunft erteilt; auch verlangt er, die einzelnen Sachbearbeiter sollten ihm aufgezählt werden. Da greift der Gastgeber noch einmal in seinen Karton und holt acht große Tüten heraus und überreicht sie dem verblüfften Repräsentanten des Personals. "Für die Kollegen", meint er lächelnd. Es war ein großes Glück für den diensthabenden Geschäftsführer, daß er am nächsten Tag frei war und sich seiner Gesundheit widmen konnte.

Abschließend sei die kleine Gruppe der Ursozialisten erwähnt. Sie sitzen still und brav auf den ihnen angewiesenen Plätzen. Wer allerdings meint, sie beschränken sich auf das Ansehen von russischen Revolutionsfilmen, irrt. Nicht nur Chaplin, der ja bei ihnen als einer der ihren gilt, finden sie genauso großartig wie andere Leute, sie sind auch nicht der Meinung, daß ein amerikanischer Film ihrem Seelenheil schadet. Sie haben sich bisher immer tolerant dem Kinostil im studio 1 angepaßt. Auch sie sind der Meinung, daß ein Besuch im studio 1 etwas Besonderes ist. Etwas, was man nicht beschreiben, sondern nur erleben kann. Also – bitte.