Die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit in allen sozialen Beziehungen ist unüberbrückbar.“ Dieser aphoristisch anmutende Satz ist sowohl Schlüssel zum Verständnis als auch Ansatzpunkt einer kritischen Betrachtung von Georg Schwarzenbergs Werk:

Machtpolitik. Eine Studie über die internationale Gesellschaft, J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen, 502 Seiten, 29,80 DM.

Nicht ohne Absicht weist der Autor eingangs auf Machiavelli hin, den seit Jahrhunderten verketzerten, weil schlecht verstandenen ersten Wissenschaftler der Politik, der das Bild des politischen Menschen und die Zustände seiner Zeit so beschrieb, wie sie sich ihm präsentierten. Auch Schwarzenberg bemüht sich um eine Wissenschaft der internationalen Beziehungen, deren oberstes Ziel „die bestmögliche Erkenntnis ihres Forschungsgegenstandes“ ist und der, wie er meint, in erster Linie empirische Betrachtungsweise nottut.

Diese Betrachtungsweise ergibt, daß die Macht – definiert als die Fähigkeit, einem anderen den eigenen Willen aufzuzwingen – bisher der entscheidende Faktor in allen internationalen Beziehungen gewesen ist und Machtpolitik als ein System zwischenstaatlicher Beziehungen erklärt werden kann, in dem Eigennutz vor Gemeinwohl geht.

Schwarzenberg stellt im ersten Teil des Werkes die Entwicklung der internationalen Beziehungen vom Altertum bis heute dar. Stets ist der Autor um genaue Definition der Begriffe und um leidenschaftslose Beschreibung der Situation bemüht, die er weder gutheißt noch ablehnt, sondern die Dinge einfach beim Namen nennt. So kommt er unvermeidlich zu dem Schluß, daß sich das Wesen der internationalen Beziehungen im Lauf der Geschichte nur wenig geändert hat.

Der Autor befaßt sich dann mit dem Problem der „verschleierten Machtpolitik“. Er bezeichnet damit die Politik der Großmächte seit dem ersten Weltkrieg, seit der Entstehung also Staatenbundähnlicher internationaler Organisationen. Zugleich mit diesen Organisationen entstand die „zweigleisige Außenpolitik“ der Großmächte. Es ist dies jene Außenpolitik, die ihrem Wortlaut nach dem Ideal einer echten internationalen Gemeinschaft dient, jedoch im Rahmen von Organisationen betrieben wird, die durch ihre Satzungen – beim Völkerbund die Einstimmigkeitsklausel, bei den Vereinten Nationen das absolute Vetorecht – das Entstehen dieser internationalen Gemeinschaft verhindern. Auch im Rahmen der UN hat kein Verzicht auf internationale Machtpolitik stattgefunden. So hängt der Friede nicht von der Organisation der Vereinten Nationen ab, sondern umgekehrt der Bestand der Weltorganisation von der Aufrechterhaltung des Friedens zwischen den Weltmächten.

Im dritten Teil des Werkes versucht Schwarzenberg von der Analyse des Bestehenden zur Planung des Kommenden überzugehen. Er untersucht die Voraussetzungen für eine funktionierende interrationale Föderation und entwirft den Plan einer Atlantik-Union. Es ist über diesen Teil wenig zu sagen, denn hier werden die Grundsätze strenger Vissenschaftlichkeit verlassen, die die beiden ersten Teile des Werkes auszeichnen. Es gelingt ihm nicht, einsichtig zu machen, warum sich die Natur der internationalen Beziehungen auf einmal ändern soll und wie der Sprung von der internationalen Gesellschaft zur internationalen Gemeinschaft vollzogen werden kann. So bleibt der Vorschlag einer atlantischen Föderation nur ein Plan unter vielen. Es gelingt Schwarzenberg nicht, zu zeigen, wie die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit, die er selbst als unüberbrückbar bezeichnet, überbrückt werden kann. Marianne Regensburger.