Am 18. März 1951 kabelten die Presseagenturen von Buenos Aires aus folgende Meldung an ihre Kunden: „Der argentinische Senat stimmte soeben einer Gesetzesvorlage zu, durch die der parlamentarischen Überwachungskommission die Kontrolle der Zeitung La Prensa übertragen wird. Der peronisrische Block des Abgeordnetenhauses hat das Gesetz ebenfalls mit 78 gegen 12 Stimmen der Opposition gebilligt.“

Ein Sturm der Empörung durchtobte die Weltpresse. So also sah das Ende aus für ein Blatt von internationalem Rang, das achtzig Jahre hindurch Aufstieg und Leben der südamerikanischen Republik Argentinien registriert und im wahrsten Sinne des Wortes mitbestimmt hatte. Für ein Blatt, dessen Ruf ebenso auf seiner unbestechlichen politischen Haltung wie auf seinem weltumspannenden Nachrichtendienst begründet gewesen war. Dessen soziale Annexe als Symbole galten für seine demokratische Gesinnung in einem demokratischen Staatswesen. Das sich stets, auch unter den neuen Verhältnissen maßvoller Kritik befleißigt hatte, wie sie alter Tradition entsprach.

La Prensa starb nicht. Sie erlitt ein für eine Zeitung viel schlimmeres Los: sie verlor ihr Gesicht! Peron hatte sie, großen Vorbildern getreu, durch alle nur erdenklichen Schikanen und Drangsalierungen bis an die Grenze des Verblutens geschleift, um sie schließlich seinen Kreaturen, den Gewerkschaften zum Fraß vorzuwerfen. Als lebender Leichnam diente sie fortan seinen ureigenen Interessen. Ihr bisheriger Besitzer, Dr. Gainza Paz, ein Großneffe des Begründers und derzeitiges Haupt der Dynastie, mußte fliehen.

Das war das Schicksal von La Prensa unter Peron. Bevor es sich erfüllte, sahen die Dinge wesentlich anders aus. Zwei Erlebnisse haften aus diesen Jahren noch stark in meinem Gedächtnis. Das erste datiert vom Mai 1933. Ich war, über die Anden aus Chile kommend, zum erstenmal in der argentinischen Hauptstadt gelandet. Die Prensa hatte, wie üblich bei auswärtigen Kollegen, davon Notiz genommen, und einer der Redakteure lud mich ein, das Haus in der Avenida de Mayo zu besichtigen. Es war der Tag der Beisetzung des ehemaligen Staatspräsidenten Hipolito Irigoyen. Wir standen am Fenster und blickten hinunter auf die unabsehbar flutende Menschenmenge, welche die ganze Breite der damals noch einzigen Prunkstraße von Buenos Aires füllte. Dichter Regen fiel, aber sogar in den entlaubten Bäumen hingen die Menschen in dunklen Klumpen. Langsam nahte der Trauerzug, verschmolz mit den Massen zu einem wogenden Meer von Köpfen, über dem der weiße Sarg mit dem Verblichenen wie ein Schiff im Sturm hin und her schwankte. „Wir haben ihn bekämpft, solange er regierte“, sagte der Mann an meiner Seite, „jetzt gebe ihm Gott den Frieden.“ Ich mußte daran denken, daß es Irigoyen gewesen war, der Argentinien aus dem ersten Weltkrieg gegen uns herausgehalten hatte. Aber das interessierte jenen jetzt kaum. In Deutschland war Hitler an der Macht. Ihn galt es heute zu bekämpfen.

Mein zweites Erlebnis mit der Prensa war akustischer Natur. Am Sonntag, dem 3. September, weckte mich langanhaltendes Heulen jäh aus dem Schlaf. Der Lärm war so stark, daß man ihn überall in der Stadt hören konnte. Die Sirene auf dem Dach der Prensa kündete den Beginn des zweiten Weltkrieges an. Das kostete die Zeitung allerhand Geld. Auf Ruhestörung stand eine hohe Polizeistrafe. Sie leistete sich den Luxus, wenn auch nur bei besonders großen Ereignissen.

Immerhin, es war nicht der einzige Luxus. Während meiner südamerikanischen Jahre als Korrespondent hatte ich genügend Gelegenheit, auch die argentinische Presse kennenzulernen. Ich leugne nicht, daß die meines Landes zumindest hinter La Prensa weit zurückstand. Welche Zeitung hätte es sich bei uns wohl leisten können, nicht etwa dem Abonnenten oder Leser, sondern jedermann, der vorsprach, ohne Ausweis oder Namensnennung, gratis Vorteile zu bieten, unter denen Verteidigung vor Gericht durch einen Fachjuristen oder Schlichtung persönlicher Streitereien, etwa mit Lieferanten, Hauswirten oder Dienstboten noch der geringste war. Im weitläufigen, acht Stockwerke hohen und mit vielen Seitenflügeln versehenen Prensabau gab es Laboratorien für jedwede Analyse, es gab ärztliche und zahnärztliche Polikliniken, in denen die ersten Kapazitäten ehrenhalber praktizierten, es gab – im klassischen Lande der Viehzucht – eine landwirtschaftliche und eine Veterinärabteilung, deren Ratschläge bis nach Patagonien hinunter Evangelium waren. Es gab ferner ein Konservatorium für Musikbeflissene, begabten Kindern wurde das Studium ermöglicht, es gab eine Gemäldegalerie, Bibliothek, Vorträge und Säle für Konferenzen. Nochmals sei betont –: ohne daß für ihre Benutzung ein Centavo gefordert worden wäre. Immerhin war La Prensa das Meßinstrument, an dem man den Stand des kulturellen Fortschritts in Argentinien ablesen konnte. Kein Wunder, wenn jedermann sie las, im Lande selbst, auf dem Kontinent und weit darüber hinaus. Nahezu unglaubhaft klingt heute die verbürgte Tatsache, daß keinerlei fremde finanzielle oder Handelsinteressen ihr solchen Aufwand ermöglichten. La Prensa blieb bis zur Agonie ein unabhängiges Blatt, das allein von seinen Inseraten lebte. Die ersten acht von 40 bis 60 Seiten der täglichen Auflage (350 000, sonntags bis zu einer halben Million) waren Kleinanzeigen. Erst danach begann der redaktionelle Teil mit dreißig Spalten Telegrammen aus aller Welt (New York Times 24 Seiten Telegramme), mit fundierten Aufsätzen und einem halben Dutzend Beilagen vieler Wissensgebiete. Eigene Büros in Paris, London, Berlin, New York, Madrid usw. besorgten den Stoff für die neun eigenen Druckereibetriebe in Buenos Aires, welche in guten Zeiten jährlich 35 000 t Papier konsumierten. Mehr als die Hälfte davon lieferte Deutschland.

Seele des ganzen Unternehmens war die Dynastie Paz, die seit der Gründung im Jahre 1869 Niveau und Aufwand bestimmte. Was diesen anbelangt, gibt es im gesamten Weltzeitungswesen nur einen Vergleich, mit Gordon Bennett von der New York Herald Tribune. Beide trieb die gleiche, man möchte sagen fanatisch-romantische Reporterbesessenheit in einer Epoche, die heute Vergangenheit, fast schon Sage geworden ist. So ließ sich La Prensa im Jahre 1919 als einzige Zeitung der Welt den Volltext des Versailler Vertrages von ihrem Pariser Korrespondenten kabeln, für eine geradezu märchenhafte Summe. Kaum weniger kostete sie der Bericht des berühmten Schachturniers Capablanca-Lasker in Havana vom Jahre 1920 in allen Einzelphasen, für neun Schilling das Wort. Als Sir Ernest Shackleton 1922 in der Antarktis verschollen war, rüstete La Prensa eine eigene Suchexpedition aus. Und wiederum war es La Prensa, die von ihrem Berliner Vertreter das erste Interview mit einem noch völlig unbekannten Mathematiker namens Albert Einstein brachte. Mehr als einmal in ihrer langen Geschichte wurde das in Argentinien umlaufende Wort Wahrheit: „Eine Prensa-Kritik an der Regierung bedeutet ihren Sturz.“ Herrn Peron vermochte sie leider nicht mehr zu stürzen.