Es scheint so, als ob der Weg zur Reprivatisierung des ehemaligen reichseigenen Filmvermögens trotz aller seltsamen Krümmungen nicht einer gewissen Konsequenz entbehre. Aus Düsseldorf, dem Sitz der Ufa- und Afifa-Liquidatoren und -Aufsichtsräte, kam kürzlich eine geharnischte Erklärung. Danach hatte der Abwicklungsausschuß beschlossen, die (für die Berliner Ufa- und Afifa-Betriebe) zuständigen Aufsichtsräte anzuweisen: sie möchten die beiden Berliner Vorstandsmitglieder bis auf weiteres beurlauben. In der offiziellen Begründung zu diesem aktienrechtlich höchst zweifelhaften Ansinnen hieß es, es solle endlich einmal „Schluß mit der Zuschußwirtschaft der Berliner Unternehmungen“ gemacht werden. Denn im Gegensatz zu den Ateliers privater Berliner Filmfirmen seien die Berliner Ufa-Ateliers ständig unterbelegt und erforderten zur Deckung des Defizits nicht verantwortbare Zuschüsse aus dem Liquidationsvermögen.

In Berlin geschah daraufhin zunächst nichts. Denn man überließ es dem Bundeswirtschaftsministerium, sich (endlich einmal) mit dem Problem der Berliner Ufa-Betriebe zu befassen. Diese waren ja schon seit längerem – auf Betreiben gewisser Kreise im Hintergrund der Düsseldorfer Liquidatoren – in ein schiefes Licht gebracht worden. Die Unterstellung, die Berliner Vorstandsmitglieder trügen die Schuld an der Defizitwirtschaft, war fast noch das Gelindeste, was aus Düsseldorf den Weg in die Filmfachpresse und (durch mündliche Kolportage) auch in andere interessierte Kreise fand. Wer seit Monaten dieses Treiben arglos beobachtete, mußte wohl zu der Meinung gelan-’ gen, die beiden Berliner Vorstandsmitglieder gehörten eher auf die Anklagebank als auf ihre Direktorensessel. Freilich hätte sich der arglose Beobachter auch fragen müssen: wie denn eine so offensichtliche Mißwirtschaft jahrelang möglich war, obwohl es doch in Düsseldorf so aufgeweckte Aufsichtsräte gab und gibt, die in Abständen von nur wenigen Wochen oder Monaten immer wieder ihres Amtes walteten und zu allen wichtigen Schritten des Berliner Vorstandes ja und amen sagen mußten...

Hier stimmte also etwas nicht, und Zwar weniger in Berlin als in Düsseldorf – wie wir schon bei früheren Gelegenheiten festgestellt haben. Wir kennen zwar nicht den Inhalt der Gespräche im Bundeswirtschaftsministerium, wissen aber, daß dort die Berliner Vorstandsmitglieder zum erstenmal Gelegenheit hatten, den Gerüchten sachlich entgegenzutreten. Ein Erfolg dieser klärenden Gespräche ist eine neue Verlautbarung der Ufa- und Afifa-Aufsichtsräte nach ihrer letzten Düsseldorfer Sitzung am Freitag der vorigen Woche. Sie enthält eine Ehrenerklärung für die Berliner Vorstandsmitglieder, der sich ausdrücklich auch Staatssekretär Westrich angeschlossen hat, und die Versicherung: der in Teilen der Öffentlichkeit entstandene Eindruck, daß ein unredliches Verhalten der Berliner Vorstandsmitglieder vorliege, sei nicht gerechtfertigt. Die in den Berliner Betrieben entstandenen Verluste seien zum Teil Debitorenausfälle und im übrigen auch aus der besonderen Berliner Lage entstandene Betriebsverluste. Um die weitere Klärung noch bestehender Meinungsverschiedenheiten nicht zu erschweren, hätten die Berliner Vorstandsmitglieder um Urlaub gebeten, der ihnen gewährt werde, sobald sie ihre Geschäfte übergeben hätten.

An diesem vorläufigen Ausgang erscheint uns einiges bemerkenswert. Wenn sich der Staatssekretär eines Bundesministeriums einer solchen Ehrenerklärung anschließt, haben wir keinen Grund, an der Ehrenhaftigkeit der Berliner Vorstandsmitglieder zu zweifeln – was wir übrigens auch bisher schon nicht getan haben. Wir fragen uns aber, wie es um die Ehrenhaftigkeit derer steht, die eine solche Erklärung überhaupt erst herausgefordert haben. Und wir fragen uns ferner, welche Zwecke die Gerüchtemacher und ihre Informanten verfolgt haben, als sie vor Monaten mit einer Kampagne gegen den Berliner Vorstand begannen. Die Antwort auf die zweite Frage ist nach unserer Kenntnis der Dinge ziemlich klar: Es gibt in der näheren Umgebung der Düsseldorfer Entflechtungszentrale einflußreiche Kreise, die daran interessiert sind, daß – bei der Reprivatisierung des ehemals reichseigenen Filmvermögens – das Schwergewicht der künftigen deutschen Filmwirtschaft in das Land Nordrhein-Westfalen verlegt wird. Was also bedeutet, daß der in Westberlin verbliebene Rest zur Bedeutungslosigkeit degradiert, wenn nicht in absehbarer Zeit überhaupt ausgeschaltet werden müßte. Diese Tendenz ist in den letzten Monaten zu deutlich geworden, als daß sie sich noch verheimlichen ließe.

Nun: trotz der jüngsten Ehrenerklärung, die wahrscheinlich nicht die gleiche Breitenwirkung haben wird wie die früheren Verleumdungen, sind die beiden Berliner Vorstandsmitglieder zunächst einmal ausgeschaltet, denen man kaum etwas anderes nachsagen kann, als daß sie wegen ihres konsequenten Eintretens für die Interessen Berlins einigen Herren in Düsseldorf nicht in das Konzept gepaßt haben. Es bleibt nur dringend zu wünschen, daß die (dem Vernehmen nach) bald bevorstehende Reprivatisierung nicht zuungunsten Berlins unter dem Eindruck der Verdächtigungen vor sich geht, die uns durch die jetzige Ehrenerklärung nur recht unvollkommen aus der Welt geschafft zu sein scheinen. Schon vor Monaten haben wir gefordert: „Ufa-Karten auf den Tisch!“ Diese Forderung hat mittlerweile noch nichts an Aktualität eingebüßt, gns.