H. v. V., Kairo, im Oktober

Die Wiedereröffnung der ägyptischen Baumwollbörse in Alexandrien wurde von der gesamten Presse des Landes als ein Ereignis gefeiert, dem für die ägyptische Wirtschaft eine besondere Bedeutung zukommt. Sie dürfte auch in der Bundesrepublik mit Interesse registriert werden, denn der weitere Ausbau der deutsch-ägyptischen Handelsbeziehungen ist maßgeblich von der Abnahme ägyptischer Baumwolle durch Deutschland beeinflußt. Die gelegentlichen Störungen in der Erteilung ägyptischer Einfuhrlizenzen für deutsche Erzeugnisse waren stets darauf zurückzuführen, daß die Handelsbilanz zwischen der Bundesrepublik und Ägypten sich zu stark der deutschen Seite zuneigte und Ägypten daher gezwungen war, nach den Absprachen des deutsch-ägyptischen Handelsabkommens seine Verbindlichkeiten in harten Devisen abzudecken. Die Bereitschaft für die Aufnahme deutscher Waren im Nilstromland ist vorhanden. Ihr Umfang wird aber bestimmt von den Exportmöglichkeiten ägyptischer Baumwolle nach Westdeutschland.

Eine seit Jahren hemmungslose Spekulation an der alexandrinischen Baumwollbörse von Minet El Bassal hatte am 23. November 1952 die ägyptische Revolutionsregierung zur Schließung der Börse veranlaßt, um dem unverantwortlichen Treiben gewisser Geschäftemacher ein jähes Ende zu bereiten. Die Ursprünge dieser Auswüchse datierten noch aus den letzten Jahren des Faruk-Regimes, als selbst Persönlichkeiten wie der ägyptische Finanzminister Serag Eddine und die ihm besonders geschäftlich nahestehende Gattin des Wafd-Präsidenten und ägyptischen Premiers Mustafa Nahas den Reigen der Spekulanten anführten. Die künstlichen Preistreibereien an der Terminbörse hatten die Konkurrenzfähigkeit der ägyptischen Baumwolle an den Weltmärkten sehr bald in Frage gestellt.

Die Revolutionsregierung hat sich durch ihre Finanz- und Wirtschaftsminister in der Zwischenzeit nicht ohne Erfolg bemüht, der ägyptischen Baumwolle die alten Märkte zurückzugewinnen und neue zu erobern. Zu letzteren gehörten In erster Linie Länder hinter dem Eisernen Vorhang. Aber deren Aufnahmefähigkeit blieb bisher relativ gering. Selbst dem Austausch zwischen sowjetischem und rumänischem Öl gegen ägyptische Baumwolle waren gewisse Grenzen gesetzt. Immerhin konnte Nasser als Erfolg seines Zusammentreffens mit dem rotchinesischen Außenminister Tschu en Lai auf der afro-asiatischen Konferenz zu Bandung den Verkauf von Baumwolle im Gesamtwert von 17 Mill. Pfund (mehr als 200 Mill. DM) als Erfolg für sich buchen. Die sonst enttäuschende Saison 1954/55 erhält durch den Absatz von etwa 300 000 Kantar aus dem Überhang ein etwas freundlicheres Gesicht.

Die Regierung hat durch strenge Anordnungen ein Wiederaufleben der spekulativen Tendenzen an der Börse zu verhindern gesucht. Maklerfirmen unterliegen einer scharfen Kontrolle durch Regierungsorgane. Insbesondere sind ungedeckte Termingeschäfte genaustens limitiert. Außerdem bleibt die Bereitschaft der Regierung bestehen, jedes Angebot an Baumwolle zu einem festgesetzten Mindestpreis aufzunehmen. So wird dem Baumwollfarmer die Sicherheit seiner Arbeit garantiert; er bleibt von Preisschwankungen und gewissen unvermeidlichen Spekulationen unabhängig.

Um die Preise den internationalen Märkten angleichen zu können, sind die Sätze der Exportzölle empfindlich gesenkt worden. Die Beseitigung des Einfuhranrechtsverfahrens für Pfund Sterling und DM wird beiden Devisen eine gewisse Stabilität auf dem ägyptischen Markt sichern, die den Dispositionen auf längere Sicht nur zugute kommen kann. Allerdings mußten zum Ausgleich höhere Einfuhrzölle in Kauf genommen werden. Zwei Momente haben die Wiedereröffnung der Börse von Minet Al Bassal ohne Zweifel stärkstens beeinflußt! die seit 18 Monaten wieder arbeitende Baumwollbörse von Liverpool, mit der engste Fühlung aufgenommen ist, und weiter die Sorge vor den Gefahren, die den Baumwolle erzeugenden Ländern durch den Überhang aus der letzten Saison auf dem nordamerikanischen Baumwollmarkt drohen.