Paris, Anfang Oktober

Wenn eine Fabrik, die rund 20 Jahre lang ihre Grundkonstruktionen unverändert gelassen hat (und trotzdem noch bis heute einen ausgezeichneten Absatz aufweisen konnte), ein völlig neues Modell herausbringt, so muß dieses zwangsläufig als eine Art von Sensation gewertet werden. Das ist auch tatsächlich der Fall bei Citroën, wobei dieses zweitgrößte Werk Frankreichs auch noch für sich das Plus buchen kann, sich bei dem neuen Typ gänzlich vom Herkömmlichen gelöst zu haben.

Citroën hat beim neuen Modell DS 19 allerdings zwei der seit 20 Jahren gepflegten Grundprinzipien beibehalten: die selbsttragende Karosserie (allerdings nicht Ganzstahl, sondern jetzt mit Kunststoffdach) und den Frontantrieb. Auch der Motor ist der Grundkonstruktion nach übernommen worden, doch liefert er bei nach wie vor 1911 ccm Hubraum heute 75 PS an Leistung. Ansonsten stellt aber dieser Wagen die Vereinigung einer Fülle neuer Ideen und auch Einzelheiten dar. So weist er die hydropneumatische Federung (eine hydraulisch gesteuerte Luftfederung) auf, die seit zwei Jahren im bisherigen Sechszylindertyp mit Erfolg verwendet wurde. Da die Hydraulik schon gegeben war, so nutzt sie Citroën auch weidlich aus: als Lenkhilfe, zur Betätigung der Kupplung und zur Unterstützung der Schaltung des Vierganggetriebes mit drei synchronisierten Gängen. Man hat bei Citroën übrigens auch nicht viel auf den Gestehungspreis geachtet, denn man wählte ein recht teures Bremssystem: Öldruckbremsen mit Scheibenbremsen für die Vorderräder, die übrigens innenliegend sind. Auch die Außenform des Wagens mit einer sehr flach nach vorn ablaufenden und niedrigen Motorhaube sowie einem eigenartigen Verlauf der Heckpartie deutet an, daß man etwas grundsätzlich Neues bringen wollte. Das Ersatzrad hat (obwohl die Motorhaube so flach ausläuft) vorn vor dem Motor Platz, es belastet daher zusätzlich die Vorderräder (beim Frontantrieb nicht unwichtig), es erlaubt aber auch einen überdimensionalen Kofferraum im Heck, der beim Citroën 1/2 cbm mißt. Manche kleineren Einzelheiten erscheinen eigenartig, so zum Beispiel das Einspeichen-Lenkrad. Es ist ersichtlich, daß das Werk bestrebt war, wieder einsn Typ zu bieten, der schon in die Zukunft weist, um neuerlich viele Jahre hindurch dieses Modell unverändert bauen zu können. Bleibt nur abzuwarten, ob alle diese vielen Neuerungen wirklich erprobt sind. Das Werk behauptet allerdings, daß drei Jahre härtester Versuche diesem neuen Citroën vorangegangen seien.

Die übrigen französischen Fabriken bieten die bereits bekannten Typen, allerdings mit Verbesserungen, an. So kann der kleine Renault mit einer vollautomatischen Kupplung, die elektromagnetisch betätigt wird, geliefert werden, ebenso auch der Simca mit einer elektromechanischen Kupplung, die das Kupplungspedal überflüssig macht. Die Frégate von Renault hat einen etwas größeren und stärkeren Motor erhalten (2141 ccm und 77 PS), Simca hat gleichfalls den Motor etwas vergrößert (von 1221 auf 1290 ccm mit jetzt 48 PS, im Sportcoupé sogar 75 PS Leistung). Bei Peugeot ist der Typ 403 zu erwähnen, dessen Motor mit 1468 ccm Hubraum größer als der des bisherigen Typs ist.

Talbot erscheint wiederum mit einem 2,5-Liter-Sportwagen, und Salmson bietet ein gleichwertiges Gefährt von 2,3 Liter Hubraum an. Woher diese beiden Firmen, die seit Jahr und Tag kaum mehr, etwas verkaufen, den Mut zu neuerlicher Produktionsaufnahme hernehmen, ist allerdings unerfindlich. Zu melden ist weiter, daß die Isetta (siehe BMW) nunmehr auch in Frankreich von der Karrosseriefabrik Velam in Lizenz gebaut wird, allerdings mit einem Zweitaktmotor.

Einige schöne Karosserien der Italiener, ferner von 1956er Typen der Amerikaner wären noch anzuführen, aber auch ganz verrückte Entwürfe, wie zum Beispiel der amerikanische Gaylord mit Chrysler-V8-Motor von 300 PS, der die Kleinigkeit von 190 000 DM kostet.

Von der deutschen Industrie ist alles vollzählig vertreten: BMW, Borgward, DKW, Ford-Köln, Goliath, Lloyd, Mercedes-Benz, Opel, Porsche und VW, zu denen noch Brütsch mit seinen Dreirad-Kleinstwagen hinzukommt. An Ausdehnung kann sich der Pariser Salon nicht mit der IAA messen, dafür bietet er aber mit 79 Personenwagenmarken aus zehn Erzeugerländern einen wohl unvergleichlichen Überblick über die gegenwärtige Weltproduktion. St. v. Szénásy