Erst waren es Gerüchte; dann wurde es Gewißheit und hat im Westen einige Bestürzung ausgelöst: Ägypten wird Düsenjäger, Panzer, Geschütze und Kampfboote aus dem Osten beziehen. Nominell ist die Tschechoslowakei Lieferant; die Sowjetunion steht als eigentlicher Vertragspartner im Hintergrund. Von weiteren Projekten ist die Rede: „Techniker“ der Ostblockstaaten sollen die Waffenlieferungen begleiten oder ägyptische Offiziere sollen in der Tschechoslowakei ausgebildet werden, der ägyptische Wunschtraum vom großen Nil-Staudamm (erforderlich: zwei Milliarden Mark) könnte mit Hilfe östlicher Gelder Wirklichkeit werden; der Sowjetbotschafter in Kairo, Daniel Solod, hat Ägypten eine russische „Wirtschaftshilfe“ angeboten; ein Staatsbesuch des ägyptischen Ministerpräsidenten in Moskau steht bereits auf dem Terminkalender.

Wieder steht der Diktator Ägyptens im Mittelpunkt des Weltinteresses: der 37jährige Oberst der ägyptischen Armee Gamal Abdel Nasser, der seit dem Militärputsch vom Juli 1952 – zuzeiten General Nagibs schon faktisch, seit dem 24. Februar 1954 auch nominell – die ägyptische Politik steuert. Und wenn nicht die Zeichen trügen, so hält er das Steuer heute fester als je zuvor in Händen.

Der ungewöhnlich große, breitschultrige Mann mit prominenter Hakennase, graumeliertem Haar, schwarzem Schnurrbärtchen, lebhaften braunen Augen, hinterläßt bei seinen Besuchern einen starken Eindruck. Er hat weder den weltmännischen Schliff Fatuks noch die natürliche Liebenswürdigkeit Nagibs, aber niemand zweifelt an seinem scharfen Verstand, seinem draufgängerischen Mut und seinem fanatischen Idealismus. Sein Mut hat ihn zu einem Helden des Palästinakriegs von 1948 und 1949 gemacht (der „Tiger von Falluga“); sein Verstand organisierte die Revolution der Offiziere gegen Faruk; sein fanatischer Idealismus träumt von einem Ägypten, das wieder reich und mächtig und groß sein soll wie zur Zeit der Pharaonen.

Wer wollte es den Ägyptern verübeln, wenn sie von der weitverbreiteten Ägyptomanie und dem archäologischen Pyramidenkult schließlich auch selber ergriffen werden? Jahrtausendelang war dieses Land, das unserer Geschichtsschreibung die ersten Daten lieferte, ein Spielball fremder Mächte: erobert von Persern, Griechen, Römern, Arabern, Türken, Mamelucken, Franzosen, Engländern; Tummelplatz für die Armeen Alexanders des Großen und Mark Antons, Napoleons und Lord Kitcheners. Jetzt soll es damit zu Ende sein, endgültig zu Ende sein. „Ägypten für die Ägypter“ ist der Kampfruf der Revolutionäre am Nil. Ein Ruf, der wegen seiner Obertöne von wildem und „unzeitgemäßem“ Nationalismus drohend in unsere Ohren klingt, der aber – wir tun gut daran, das klar zu sehen – in Afrika und Asien heute so brennend aktuelle Bedeutung hat wie in Deutschland zur Zeit der Freiheitskriege.

Gamal Abdel Nasser ist in die Führungsschicht hineingewachsen auf dem einzigen Wege, der ihm, dem Sohn eines kleinen Postbeamten in Alexandria, offenstand: über die Armee. In der Armee fand er Gesinnungsgenossen; die Armee bot ihm eine verhältnismäßig stabile Grundlage von Zuverlässigkeit in einem Land, wo Korruption zu den Eigentümlichkeiten des Lebens gezählt wird; die Armee umgibt ihn noch heute, wo er mit seiner Frau und fünf Kindern eine bescheidene Residenz in Abbasia, dem Kasernenviertel von Kairo, bezo-• gen hat. „Mein ganzes Leben hindurch habe ich mein Vertrauen in das Soldatentum gesetzt“, bekennt er selbst; und man darf gespannt sein, inwieweit es ihm ernst ist mit der angekündigten Absicht, seine Militärdiktatur, zu Anfang nächsten Jahres durch eine zivile Regierung ablösen zu lassen.

Nasser begründet die Notwendigkeit der Diktatur damit, daß Ägypten innerhalb von wenigen Jahren gleich zwei Revolutionen durchzumachen habe: eine soziale Revolution im Kampf gegen Armut und Korruption, eine politische Revolution im Kampf um wirkliche Souveränität. Es besteht wohl kein Grund, an der Aufrichtigkeit seines Wollens zu zweifeln. Nicht, um sich selber zu bereichern, hat er mit despotischer Rücksichtslosigkeit das Vermögen der königlichen Familie und ihrer Anhänger eingezogen; nicht, um einem neuen Imperialismus den Weg zu ebnen, hat er mit allen Mitteln den Kampf gegen die alten „Besatzungsmächte“ – gegen Frankreich und England – geführt; Auch die Vereinigten Staaten müssen sich von ihm, groteskerweise, den „imperialistischen Mächten“ des Westens zuzählen lassen, da sie mitverantwortlich gemacht werden für Existenz und Fortbestehen jenes Staates, der als ein „Dorn im Fleische Ägyptens“ am Nil nicht sachlich diskutiert werden kann: Israel.

Von russischem Imperialismus hat Ägypten noch wenig zu spüren bekommen. .Viele Dogmen der kommunistischen Lehre müssen zwar recht verheißungsvoll klingen in einem Lande, wo 95 Prozent der Bevölkerung in bitterer Armut leben. Nasser aber verwahrt sich: „Ich habe viel gelesen über Sozialismus, Kommunismus, Demokratie und Faschismus. Unserer Revolution kann man keinen dieser Namen anhängen.“ In der Tat spielt die kommunistische Partei in Ägypten mit ihren 3000 Mitgliedern vorläufig kaum eine Rolle. Und zwei Mitglieder der „Regierung“, denen man kommunistische Neigungen nachgesagt hat (Jussef Siddik und Khaled Moheddin), sind ausgeschieden worden.