Der attraktive Umschlag dieses amerikanischen Bestsellers hält sein Versprechen nur einige Seiten lang. Dann stellt der Leser betroffen fest, daß die ungewöhnliche Story tatsächlich, wie der Verlag versichert, aus alten Akten hervorgekramt sein muß, so überzeugend ist der aktenmäßige Stil erhalten geblieben.

Helen Holdredge, „Die Dame ‚Mammy Pleasant‘, Voodoo-Königin in San Francisco“. Aus dem Amerikanischen von K. H. Hansen (Claassen Verlag, Hamburg), 284 Seiten, 12,80 DM.

Mammy Pleasant ist eine hellhäutige Negerin, von fast klassischer Schönheit, die es durch allzu phantasievolle und recht gewissenlose Geschäftspraktiken um die Mitte des 19. Jahrhunderts in San Franzisko zu unheilvollem Ansehen brachte. Doch war ihr Gemüt nicht nur pechschwarz, sondern auch engelhaft weiß: mit ihrem durch Minenspekulationen und raffinierte Erpressungen, bei denen ihr die intime Kenntnis erotischer Eigentümlichkeiten der reichsten Bürger des goldenen Westens mithalf, errafften Vermögen erbaute sie sich nicht nur pompöse Häuser für persönliche und aphroditische Zwecke, sondern sie befreite als kämpferische Anwältin der Negersklaven ihre schwarzen Schützlinge, um sie oft unter persönlicher Gefahr nach dem sicheren Kanada zu schaffen. Was immer diese reizvolle Mammy unternehmen mochte: Orgien als Voodoo-Priesterin, Negerbefreiung in der Abolitionistenbewegung, immer galt ihr wichtigstes Streben privater Macht und eigenem Besitz. Von ihrem luxuriösen Haus am Holladay-Hill in San Franzisko aus beherrschte sie wie eine schwarze Sklavenhaltern hochmütig und rachsüchtig die von ihr abhängigen weißen Kaufherren, ohne je Pardon zu geben. Zuletzt freilich bereitet sie sich selbst – wie jeder Diktator – in übersteigertem Machtgefühl durch ein Übermaß von Lügen, Unzucht und Mord den Sturz und verschafft damit dem Leser die einzige Genugtuung, falls er sich bis zu diesem Schluß durchgelesen hat.

Aus der Gestalt dieser Negerin hätte ein einzigartiges Epos über die Tragödie weiblichen Machthungers und scheinheiligen Ehrgeizes werden können. In dem Buch von Helen Holdredge ist es eine mit immer neuen Namen und Schicksalen überlastete, zwar sachlich glaubwürdige, aber strohtrockene Aneinanderreihung von Ereignissen geworden, die zwar in Amerika trotz der unzulänglichen Darstellung vom Thema her interessieren, bei uns aber das peinliche Gefühl erwecken, in fremden Akten schmuddlige Geschichten aufzustöbern, die uns nicht das geringste angehen. Die Sucht nach biographischen Veröffentlichungen sollte doch eine natürliche Hemmung in der Unfähigkeit des Autors finden, die bloße Lebensbeschreibung in ein gehaltvolles und spannendes Werk umzuformen.

Ilse Langer